Entwicklung von häuslicher Gewalt schwer einzuschätzen

Ein als Silhouette abgebildeter Mann droht einer Frau mit der Faust. Foto: Jan-Philipp Strobel/dpa/Illustration
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12. Juli 2020 - 9:52 Uhr

In Niedersachsen gibt es bislang keine Hinweise auf eine Zunahme von häuslicher Gewalt in der Corona-Krise. "Nach aktuellem Stand hat die Niedersächsische Landespolizei keinen pandemiebedingten Anstieg von Straftaten im Kontext häuslicher Gewalt registriert", teilte die Sprecherin des Sozialministeriums mit. Demnach ist die Zahl zwischen März und Mitte Mai im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um knapp 12 Prozent zurückgegangen. Aber: Wie viele Menschen häusliche Gewalt erlebten, ohne dass es eine Anzeige gegen den Täter gab, ist unklar.

Dem Ministerium zufolge ist grundsätzlich davon auszugehen, dass während der Corona-Pandemie die Zahl der Frauen und Kinder steigt, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. "In Zeiten, in denen jeder Mensch sich möglichst zu Hause aufhalten soll und soziale Kontakte weitgehend eingeschränkt sind, steigt auch die Zahl der Krisen und Notlagen." Isolation und Stressfaktoren wie Enge, finanzielle Nöte und Zukunftsängste könnten vermehrt zu Gewalteskalationen führen. "Wir beobachten das Thema häusliche Gewalt und deren Auswirkung weiterhin sehr genau", so die Sprecherin. Mit der Kampagne "Hast du das auch gehört?" zeigt die Landesregierung, was Menschen tun können, wenn sie häusliche Gewalt bemerken.

Nach einer Umfrage unter niedersächsischen Jugendämtern wurden im April weniger Kinder aus Familien in Obhut genommen als im Vorjahresmonat. Auch bei den Meldungen zu Gefährdungseinschätzungen sei ein Rückgang festzustellen, hieß es aus dem Ministerium. Ob dies bedeutet, dass tatsächlich weniger Kinder durch häusliche Gewalt oder Vernachlässigung gefährdet waren, ist allerdings unklar. Üblicherweise melden auch Schulen und Kitas Verdachtsfälle und diese waren im April wegen der Corona-Pandemie zeitweise geschlossen.

Ob häusliche Gewalt im Bundesland Bremen gestiegen ist, lässt sich ebenfalls schwer einschätzen. Nach Angaben des Gesundheitsressorts bekamen die Beratungsstellen nicht mehr Anfragen als früher. Bei den Frauenhäusern gibt es demnach seit Mitte Juni eine erhöhte Nachfrage, so dass die zusätzlich gemieteten Plätze belegt sind. "Die Frauenhausmitarbeiterinnen berichten zum Teil über Erzählungen der Frauen, die nahelegen, dass die Situation durch ständige Präsenz aller Familienmitglieder im Wohnraum stärkere Gewaltausbrüche hervorrief", sagte der Sprecher des Ressorts. "Das sind jedoch keine repräsentativen Zahlen."

Quelle: DPA