Entsetzen - aber auch Jubel: So reagiert die arabische Welt auf die Terroranschläge in Paris

Constantin Schreiber tauscht sich durch seine Videoreihe "Marhaba" mit Flüchtlingen aus.

19. November 2015 - 12:11 Uhr

Von Philipp Brandstädter

Manche sind entsetzt und betroffen, einige feiern offen die Tragödie in Paris und wieder andere befürchten, dass jetzt der Hass gegen Muslime allgemein wächst. "An den Reaktionen von Flüchtlingen, die mir schreiben, kann ich sehen, dass es eine große Sorge vor einer Welle der Ausländerfeindlichkeit gibt", sagt n-tv Moderator Constantin Schreiber.

Constantin Schreiber spricht fließend Arabisch. Beim Nachrichtensender n-tv nutzt er das, um in seiner Videoreihe "Marhaba" (arabisch für 'Willkommen') den ankommenden Flüchtlingen auf Arabisch zu erklären, wie Deutschland tickt und auch, welche Werte hier bei uns wichtig sind. Dadurch bekommt er viele Reaktionen von Menschen mit arabischem Hintergrund - per Mail und Post, auf Twitter und auf Facebook.

Vor allem die geflohenen Syrer in Deutschland sind sehr besorgt. "Wir haben Angst", schreibt ein User. "Wieder einmal werden es die Muslime weltweit sein, die nun Ausgrenzung und Ablehnung spüren." Die Befürchtung: mit den Anschlägen könnte der 'Islamische Staat' (IS) erfolgreich Misstrauen gegenüber Muslimen sähen. "Sie wollen doch, dass man uns alle mit dem IS gleichsetzt! Unsere Kinder sind die Ziele dieser Terroristen - in Syrien, wie hier", schreibt eine Zuschauerin.

Andere zeigen sogar Verständnis für Deutsche, die jetzt Angst vor mehr Terror haben: "Die Menschen in Deutschland haben allen Anlass, die Muslime und den Islam zu hassen, wenn sie sehen, was unsere Brüder tun. Wir brauchen Werte und einen Neubeginn." Constantin Schreiber bekommt viele solche solidarische und beschämte Zuschriften.

Aber es gibt eben auch die andere Seite. Die Kommentare, die die Anschläge offen feiern:

- "Jetzt erntet der Westen, was er vor Jahren gesät hat."

- "Ich weiß, dass Frankreich und der ganze Westen uns töten und zerstören wollen."

- "Wenn ich sehe, was in Frankreich geschehen ist, dann sehe ich vor mir die toten Kinder und Frauen, vergewaltigt und getötet von französischen Soldaten für den Wohlstand, den Europa heute hat."

Das macht auch Constantin Schreiber nachdenklich: "Ich bemerke eine erschreckende Radikalisierung im allgemeinen Stimmungsbild. Bei vorherigen Anschlägen im Westen waren Mitleid und Schamgefühl, dass solche Anschläge im Namen des Islam verübt werden, viel stärker."

Und auch arabische Flüchtlinge in Deutschland sind besorgt darüber, wie zum Beispiel Nabil. Auch er schreibt an Constantin Schreiber: "Wir saßen mit vielen Leuten zusammen, da sagte ein Mann aus Tartus (Westsyrien), wir müssten die Sache des Islamischen Staates nun in den Westen tragen. Constantin, ich bin auch Muslim, aber diese Männer sind nicht wie ich."

„Unsere Herzen sind erfüllt mit Trauer um jeden Menschen“

Auch in den großen arabischen Medien beobachtet Schreiber einen neuen Tenor im Vergleich zu früheren Anschlägen: "Der Fokus hat sich verändert. Man versetzt sich weniger in die Position der Europäer und welches Entsetzen solche Anschläge bei uns auslösen. Die Frage ist dort jetzt in erster Linie: Was heißt das für uns?" Da steht dann zum Beispiel bei Al-Jazeera die Frage im Vordergrund: Wo greift Frankreich den IS an?

In den Kommentaren unter den Artikeln zum Terror in Paris finden sich viele islamistische und anti-westliche Parolen. Viele arabische User kritisieren, dass der Westen mit zweierlei Maß misst: "Arabisches und muslimisches Blut hat nicht den gleichen Preis wie westliches. Wann werden die Menschen im Westen aufhören, den Wert von Blut zu unterscheiden?"

Gleichzeitig schockiert der Pariser Terror gerade die Menschen, die auf der Flucht vor Krieg und dem Terror des IS zu uns kommen: "Unsere Herzen sind erfüllt mit Trauer um jeden Menschen, getötet durch die Hand des Terrors, ob in Syrien, Jemen, Libyen oder Frankreich", schreibt ein Flüchtling. Sie suchen Sicherheit und Frieden und nun holt der Terror sie selbst in Europa ein.

Gerade jetzt ist es deshalb wichtig zusammenzustehen, anstatt die Wut auf die ankommenden Flüchtlinge zu lenken, sagt Schreiber. "Ziel muss es sein, dass Menschen, die zu uns kommen, hier eine Perspektive haben, damit sie hier ein friedliches Leben führen wollen und können. Das stellt uns vor große Herausforderungen, aber alles andere - Grenzen dicht, Abschottung – würde in der Realität kaum funktionieren."