Emotionaler Prozessauftakt am Landgericht Hildesheim

"Es tut mir unendlich leid" - Müllwagenfahrer überfuhr Elfjährige beim Abbiegen

Müllwagenfahrer Rene H. am Landgericht Hildesheim
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16. Juli 2020 - 14:29 Uhr

Die Anklage lautet fahrlässige Tötung

Es ist der Morgen des 18. Januars. Rene H. will mit seinem Müllwagen an einer Kreuzung in Lehrte rechts abbiegen. Der 36-Jährige hat grün. Auch die Fußgängerampel ist grün. Und dann passiert das, was niemals hätte passieren dürfen: Er übersieht beim Abbiegen die elfjährige Esra. Beim Prozessauftakt am Donnerstag am Landgericht Hildesheim muss er sich wegen fahrlässiger Tötung verantworten.

Viele Tränen im Gerichtssaal

Esras Eltern und ihr Bruder am Landgericht Hildesheim
Esras Eltern haben beim Prozessauftakt am Landgericht Hildesheim Fotos der Elfjährigen aufgestellt.
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Schon bevor der Prozess beginnt, stellt die Mutter von Esra unter Tränen Fotos von ihrem getöteten Mädchen auf. Esras Eltern und drei ihrer Brüder sind Nebenkläger. Als erstes wird die Anklageschrift verlesen. Darin heißt es unter anderem, dass Esra bei dem Unfall 20 Meter mitgeschleift wurde, bevor die Elfjährige starb – Esras Mutter bricht erneut in Tränen aus. Der Angeklagte Rene H. hat anschließend das erste Wort. Der 36-Jährige beteuert, dass er Esra nicht gesehen habe. Er sagt unter Tränen: "Ich hab von dem ganzen Geschehen nichts mitbekommen. Am Nachmittag rief die Firma an." Auch zu Esras Familie spricht der Familienvater: "Ich wollte nur sagen, es tut mir unendlich leid. Ich wüsste nicht, wie ich reagieren würde, wenn es mein Kind gewesen wäre. Ich würde alles dafür tun, um es ungeschehen zu machen, aber ich kann es nicht ändern."

Hätte der Müllwagenfahrer das Mädchen sehen können?

Rene H. drohen bei einer Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung bis zu fünf Jahre Haft. Im Zentrum des Verfahrens steht die Frage, ob er sich sorgfältig umgeschaut hat, bevor er abbog. Der Familienvater sagte heute: "Ich bin das seitdem immer wieder im Kopf durchgegangen. Ich bin eigentlich ein sehr akribischer Mensch." Der Müllwagen ist mit einer Frontkamera ausgestattet, die beim Abbiegen auf eine Seitenkamera umschaltet. Laut Rene H. habe er aber das Mädchen in seiner Seitenkamera nicht gesehen, auch nicht im Spiegel. An dem Januarmorgen sei es noch dunkel gewesen, die Straßenlaternen hätten noch gebrannt. Er habe auch keine Erschütterungen oder Poltern bemerkt, deswegen sei er einfach weitergefahren, sagte der 36-Jährige heute."Hätte ich das mitbekommen, ich hätte alles gemacht, ich wäre nicht weitergefahren."  

Der Müllwagenfahrer befindet sich in psychologischer Betreuung

Rene H. ist seit dem Unglück in psychologischer Betreuung. "Ich versuche damit klar zu kommen und es zu verarbeiten. Aber es ist nicht leicht, vor allem wenn man selbst Kinder hat. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht daran denke, wie sich die Familie fühlen muss", sagt er heute vor Gericht aus. Als Müllwagenfahrer arbeite er nicht mehr:"Bis heute bin ich nicht in der Lage LKW zu fahren. Es ist wie eine Lähmung. Beim ersten Mal bin ich bis zur ersten Trittstufe gekommen. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll."