"Dann habe ich geheult und bin wieder umgedreht"

Emotionale Beichte: Radstar Marcel Kittel beendet seine Karriere

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23. August 2019 - 20:58 Uhr

"Nur noch unglücklich": Marcel Kittel kann nicht mehr

Der Kopf will nicht mehr, der Körper hat genug von der Schufterei, und mit dem Herzen ist Marcel Kittel schon lange nicht mehr dabei: Deutschlands bester Sprinter des vergangenen Jahrzehnts hat einen Schlussstrich gezogen und mit nur 31 Jahren seine Radsport-Karriere beendet.

"Ich saß mit einem Stein im Magen auf dem Rad"

In einem emotionalen 'Spiegel'-Interview legte Kittel sein Seelenleben komplett offen. "Ich bin durch damit, die Freude an dem Sport habe ich verloren. Und damit jede Motivation, mich weiter zu quälen", sagte der 31-Jährige.

Kittel machte deutlich, dass ihn sein Ex-Rennstall Katusha-Alpecin psychisch kaputt gemacht hatte. Unter Teamchef Dmitri Konychev habe er anderthalb Jahre lang kein Vertrauen, sondern "immer nur Druck, Druck, Druck gespürt", beschreibt der mit 14 Siegen erfolgreichste deutsche Etappensieger der Tour de France die Qualen, denen er sich im russisch-deutschen Team ausgesetzt sah.

"Der ganze Stress hat sich körperlich ausgewirkt, ich fühlte mich krank, saß mit einem Stein im Magen auf dem Rad. Am Ende bin ich nur noch unglücklich gewesen, war mit den Nerven durch", sagte Kittel.

"Verlust an Lebensqualität"

Als Konsequenz aus den Querelen hatte Kittel seinen Vertrag bei Katusha-Alpecin im Mai aufgelöst. Er hatte danach zunächst von einer Auszeit gesprochen, dass daraus ein endgültiger Abschied wird, kommt für Experten aber nicht überraschend.

"Meine Erfahrung bei Katusha war nicht der Grund, aber der Anstoß, darüber nachzudenken, was mir wichtig ist. Familie, Freunde, alles ist zu kurz gekommen. Dazu die permanente Müdigkeit und Routine. Ich habe diesen Verlust an Lebensqualität immer mehr realisiert", sagte Kittel.

Trotzdem sei es "ein langer Prozess" gewesen, lange habe er mit sich gerungen, denn gute Angebote gab es. Noch einmal einen Anlauf wagen, beim niederländischen Rennstall Jumbo-Visma um seinen Kumpel Tony Martin, einem Team mit hohem Wohlfühlfaktor? Doch letztlich sah der deutsche Tour-Rekordetappensieger keine Perspektive, keinen Reiz, nichts Schönes mehr im Profidasein.

"Dann habe ich geheult und bin wieder umgedreht"

Erstmals seien bei seiner ersten sportlichen Krise 2015 Zweifel aufgetaucht, als Kittel krankheitsbedingt monatelang durchhing. Tage habe es damals gegeben, da sei er zehn Kilometer gefahren, "dann habe ich geheult und bin wieder umgedreht". Kittel suchte psychologische Hilfe, dennoch blieb die Frage: "Warum mache ich das eigentlich?"

Lange sorgten Erfolge für eine zufriedenstellende Antwort, beim Vorläufer des heutigen Sunweb-Teams, wo Kittel ab 2011 in die Weltklasse vordrang, wie bei Quick Step, wo er 2016 und 2017 hochbezahlter Topstar war. Mit dem Wechsel zu Katusha-Alpecin begann der Niedergang.

Vaterfreuden holen Kittel aus dem psychischen Tief

Glück will Kittel nun in einer radsportfreien Zukunft finden. Ab dem Wintersemester studiert er an der Uni Konstanz Wirtschaft, im November werden er und seine Lebensgefährtin Tess Eltern - auch das ein Grund für den Rücktritt: "Als Radfahrer bist du 200 Tage im Jahr unterwegs. Ich möchte meinen Sohn nicht über Skype aufwachsen sehen."

Weggefährten bedauern Rücktritt

Langjährige Weggefährten bedauern Kittels Schritt. "Er ist der weltbeste Sprinter, hätte noch viele Radrennen gewinnen können", sagte Tony Martin dem Spiegel. Der gemeinsame Manager Jörg Werner meinte: "Er hat einen ganzen Sack voller Talent. Ich glaube, er würde noch fahren, wenn es bei dem Team anders gelaufen wäre."

Kittel weiß den Zuspruch zu schätzen: "Es rührt mich, dass es alle schade finden, aber nur deshalb kann ich ja nicht weiterfahren."