Weil ihm eine kritische Frage nicht gefiel

Eklat in London: Boris Johnson schnappt Reporter das Handy weg

Eklat in London: Premierminister Boris Johnson schnappt Reporter das Handy weg 2
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10. Dezember 2019 - 14:55 Uhr

PR-Panne kurz vor der Parlamentswahl: Boris Johnson zofft sich mit TV-Journalisten

Großbritannien fiebert dem 12. Dezember entgegen – dann wählen die Briten ein neues Parlament. Für Premierminister Boris Johnson wird es ein Moment der Wahrheit sein: Er hofft auf eine Mehrheit, um den Brexit über die Bühne zu bringen. Im Wahlkampf-Endspurt hat er jetzt aber erst einmal mit einer PR-Panne Schlagzeilen gemacht: Weil ihm eine kritische Nachfrage eines Reporters zu unangenehm war, nahm er ihm kurzerhand das Handy weg – und steckte es in seine Tasche. Die britische Presse zieht jetzt über die dünne Haut des Premiers her.

Wegen Skandal-Foto von krankem Jungen: Johnson gibt sich im Interview die Blöße

Ein Premierminister, der einem Journalisten einfach so das Handy klaut – das klingt schier unglaublich. Was war da los? Ein Diebstahl? Boris Johnson, ein Kleptomane? Tja, weit gefehlt. Der Reporter des Senders ITV wollte Johnson ein skandalträchtiges Foto auf seinem Handy zeigen.

Es zeigt einen kranken Jungen, der mit Sauerstoff-Atemmaske auf dem Boden eines Krankenhauses schlafen muss – auf einem Stapel Winterjacken. Der Junge, bei dem später eine Mandelentzündung und Durchfall diagnostiziert wurden, soll sieben Stunden in dem Warteraum verbracht haben.

Der Reporter wollte Johnson also mit den Problemen des britischen Gesundheitssystems konfrontieren – denn die Zukunft der Gesundheitsversorgung in Großbritannien ist ein wesentliches Wahlkampfthema vor dem Urnengang am 12. Dezember. Sowohl Johnsons konservative Tories als auch die oppositionelle Labour-Partei haben angekündigt, mehr Geld für die Gesundheitspolitik zu investieren.

Labour-Chef Corbyn: Krankenhaus-Foto "eine Schande für unsere Gesellschaft"

Dieses Bild eines kranken Jungen war Boris Johnson offenbar so unangenehm, dass er dem Reporter das Handy klaute. Der Junge war stundenlang auf dem Boden eines Krankenhauses liegen gelassen worden.
Dieses Bild eines kranken Jungen war Boris Johnson offenbar so unangenehm, dass er dem Reporter das Handy klaute. Das Kind war stundenlang auf dem Boden eines Krankenhauses liegen gelassen worden.
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Die Frage war dem Premier aber offensichtlich zu unangenehm: Johnson weigerte sich zunächst, das Foto anzusehen – nahm dem Journalisten sogar das Handy aus der Hand und steckte es in seine Tasche. Später zeigte sich der Premier dann aber doch noch bereit, das Bild zu kommentieren. "Ein schreckliches, schreckliches Foto" sei das, so Johnson – und entschuldigte sich für den Handy-Klau.

Und Johnson wäre nicht Johnson, wenn er nicht versucht hätte, dem erschütternden Bild des auf dem Boden kauernden Jungen eine positive Wendung zu geben: Seine Regierung investiere stark in NHS, sagte der Premier. Sein größter Gegner, Jeremy Corbyn von der Labour-Partei, warf dem Premier hingegen Sorglosigkeit vor. "Ein Junge, der auf dem Boden behandelt wird, ist eine Schande für unsere Gesellschaft", erklärte Corbyn.

Umfragen zufolge kann Johnson bei der Wahl am Donnerstag mit einer deutlichen Mehrheit rechnen. Labour liegt demnach rund zehn Prozentpunkte hinter den Tories zurück.