Eklat bei Mauerfall-Gedenkfeier im Bundestag: Liedermacher Wolf Biermann nennt Linke "elenden Rest"

13. Januar 2015 - 21:37 Uhr

Von Christina Rings

Eigentlich soll Wolf Biermann zur Mauerfall-Gedenkfeier nur seinen Song 'Ermutigung' vor dem Bundestag klimpern, nach einigen Akkorden auf seiner Gitarre dann der Eklat: Der wegen seiner Kritik am DDR-Regime ausgebürgerte Liedermacher attackiert mit scharfen Worten die Linkspartei – auch Bundestagspräsident Norbert Lammert kann seinen Redeschwall nicht stoppen.

Liedermacher Wolf Biermann vor dem Deutschen Bundestag.
Wolf Biermann attackierte die Linkspartei bei der Mauerfall-Gedenkfeier scharf.
© dpa, Wolfgang Kumm

"Ich weiß, dass die, die sich Linke nennen, nicht links sind, auch nicht rechts, sondern reaktionär", sagt der 77-Jährige mit Blick auf die Abgeordneten der Linkspartei, die sichtlich irritiert die Köpfe schütteln. "Dass diejenigen, die hier sitzen, der elende Rest dessen sind, was zum Glück überwunden ist." Biermann ist dafür bekannt, dass er die Linke bis heute als SED-Nachfolgepartei sieht.

Zu Beginn seiner Rede deutet der DDR-Musiker an, dass Lammert ihn nicht ohne Hintergedanken in den Bundestag eingeladen habe. "Ich freu' mich, dass Sie mich hier hergelockt haben, und da ich Sie ja als ironischen Menschen kenne, ahne ich schon, dass sie hoffen, dass ich den Linken ein paar Ohrfeigen verpasse", so sein launiger Einstieg. "Aber das kann ich nicht, ich war ja Drachentöter. (...) Ein Drachentöter kann nicht mit großer Gebärde die Reste der Drachenbrut tapfer niederschlagen. Die sind geschlagen." Für diesen Satz erntet Biermann - wenn auch verhaltenen - Applaus. Unmutsäußerungen dagegen aus dem Block der Linken. Biermann reagiert prompt und kanzelt den Protest ab: "Natürlich, ihr wollt lieber zersungen werden. Ich habe euch schon zersungen, als ihr noch an der Macht wart."

An dieser Stelle versucht Lammert noch, Biermanns ungewöhnlichen Auftritt mit einem Hinweis auf die Geschäftsordnung zu stoppen: "Sobald Sie für den Bundestag kandidieren und gewählt werden, können Sie auch reden. Jetzt sind sie hier, um zu singen." Doch davon lässt sich der 77-Jährige nicht einschüchtern und kontert: "Natürlich habe ich mir in der DDR das Reden nicht abgewöhnt und das werde ich hier schon gar nicht tun."

Denkwürdiger Abgang – Lammert cool

Die Tirade endet jedoch versöhnlich. Sein Lied 'Ermutigung', das Lammert sich gewünscht habe, sei für die Verfolgten in der DDR wie "ein Stück Seelenbrot" gewesen, so Biermann. "Und ich weiß, dass manche, die im Gefängnis saßen, wie mein Freund der Pastor Matthias Storck und seine Frau Tine, mit diesem Lied in der Zelle überlebt haben. Und ich finde es wunderbar, dass dieses Lied aus den Gefängnissen der DDR heute im Parlament der deutschen Demokratie gesunden werden kann. Ist das nicht toll?" Geschlossener Applaus des Bundestages. Biermann stimmt sein Lied an.

Nach seinem Auftritt bedanken sich Kanzlerin Angela Merkel und SPD-Chef Sigmar Gabriel persönlich bei dem Liedermacher. Unterdessen gratuliert Lammert Biermann und seiner Frau Pamela zur Silberhochzeit. Biermann, der sich inzwischen unter die Abgeordneten gemischt hat, kommentiert aus dem Off: "Ich feiere die große sozialistische Oktoberrevolution!" Lammert bleibt cool. "Naja, gut. Und es wird gewiss kein Zufall sein, dass beides am selben Datum stattfindet."



Christina Rings hat den Journalismus von der Pike auf gelernt: als Praktikantin, Freiberuflerin, Volontärin und schließlich Redakteurin. Verbraucherschutz, Politik und Gesellschaftsthemen sind ihre bevorzugten Ressorts. An der Uni Oldenburg hat sie BWL mit juristischem Schwerpunkt studiert - ist heute aber heilfroh, die potentielle Karriere als Personalmanagerin an den Nagel gehängt und stattdessen den Sprung in die digitale Redaktion von RTL geschafft zu haben. Hauptsache: Schreiben, texten, kreativ sein. Wenn sie nicht gerade mit ihrer kleinen Tochter Tilda über die Spielplätze Kölns zieht, traktiert sie das Manuskript zu ihrem ersten Roman und ist doch nie ganz zufrieden. Ob er je fertig wird? Wir sind gespannt…