Eis essen gegen Kälte und Hunger

Er zeltet seit Wochen im Zuccotti-Park und trotzt der Kälte: James Molenda.

04. Mai 2012 - 18:38 Uhr

Auch im Winter soll der Protest weitergehen

Dutzende hungrige Gestalten – vermummt mit Mütze und Schal – haben sich um die Essensausgabe im New Yorker Zuccotti Park versammelt. Statt Bechern mit dampfender Kürbissuppe wird hier bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt Schokoladeneis serviert. Die Stimmung unter den Protestcampern ist gut, obwohl sie ein hartes Wochenende hinter sich haben.

Pünktlich zu Halloween hat ein Schneesturm einen Großteil der US-Ostküste lahmgelegt. Rund 1.000 Parkbesetzer verschanzten sich eineinhalb Tage in ihren Zelten und trotzten den Naturgewalten. Mit Erfolg. Der Neuschnee ist schon wieder getaut, doch die Occupy-Wall-Street-Anhänger sind noch immer da. "Weder Bloomberg noch Kälte und Eis werden uns von hier vertreiben", sagt James Molenda, der die letzten vier Wochen praktisch Tag und Nacht im Park verbringt.

"Es kommt nur auf die Ausrüstung an", sagt der 32-Jährige, während er Isomatte und Schlafsack zum Auslüften aus seinem Ein-Mann-Zelt holt. Wesentlich mehr Sorge als die Kälte, bereitet ihm der Nachschub an Essen in den nächsten Tagen. Denn viele Unterstützer der Bewegung kommen aus den Vororten rund um New York und New Jersey. Sie kochen für die Protestcamper und bringen ihnen das Essen sogar in den Park. Genau die Region hat der Schneesturm aber besonders heftig getroffen – Hunderttausende Haushalte sind noch immer ohne Strom. "Wenn die keinen Strom haben, bekommen wir weniger zu essen", sagt Molenda zu RTL Aktuell Online.

Im Gegensatz zu vielen anderen der '99 Prozent'-Bewegung lebt Molenda zurzeit zwei Leben. Dreimal die Woche arbeitet er für das New Yorker Künstlermagazin 'Found', bevor er abends im Zuccotti zum Besen greift. Um "alles sauber zu halten, damit wir hier bleiben können." Seitdem New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg – unter dem Vorwand den Park säubern zu müssen – das Protestcamp auflösen wollte, wird Sauberkeit hier großgeschrieben. Damit dies gelingt, ist jede Hilfe willkommen. Sogar Hollywoodstar Alec Baldwin habe letzten Samstag beim Saubermachen geholfen, so Molenda.

Der Protestler teilt sein Zelt mit einer Obdachlosen

Wenn rund 1.000 Menschen in einem kleinen Park Revolution machen, muss das gut organisiert, aber auch finanziert sein. Molenda sammelt Spendengelder, wovon Zelte, Regenplanen und Schlafsäcke gekauft werden. Nichts fürchtet der Aktivist mehr als eine Erkältung. "Die Leute würden sich auf diesem engen Raum sofort gegenseitig anstecken."

Eng ist es auch in Molendas Ein-Mann-Zelt. Statt neben seiner Freundin in der gemeinsamen Wohnung in Brooklyn einzuschlafen, teilt sich der 32-Jährige seinen Schlafplatz mit einer fremden Frau. Und die ist sehr dankbar dafür, denn Sarah Zwickel hat kein anderes Zuhause. Sie ist obdachlos. Vor zwei Monaten ist die 31-Jährige auf der Suche nach einem Job von Tennessee nach New York gekommen. Anfangs wohnte sie noch bei Freunden, danach ist sie eher unfreiwillig im Zuccotti Park gelandet.

"Kein Job, keine Wohnung. – der American Way of Life ist nicht mehr real", sagt Zwickel. "Es gibt zwar viele offene Stellen", so die Obdachlose, "doch die Konkurrenz auf dem US-Arbeitsmarkt ist einfach zu groß." Auf eine freie Stelle bei einer Non-Profit-Organisation kamen mitunter Tausende Bewerber. Da habe ihr auch der College-Abschluss mit Auszeichnung nicht geholfen. Schuld an der Jobmisere sei das politische System in den USA: "Die Republikaner blockieren mit ihrer Mehrheit im Kongress alle Reformvorschläge der Obama-Regierung", sagt Zwickel.

Im Gegensatz zu seiner Mitbewohnerin ist Molenda von Anfang an mit dabei – aus voller Überzeugung. Er will auf die nahezu grenzenlose Macht des Finanzsektors aufmerksam machen. "Deren Job ist allein Geld zu machen und nicht Einfluss auf Politik und Justiz zu nehmen." Doch das geschehe schon längst im Land der unbegrenzten Möglichkeiten – über jegliche Grenzen hinweg: "Wie sonst könnten große Unternehmen ihre Gewinne außer Landes schaffen", fragt Molenda.

Wie lange der 32-Jährige den Protest noch durchhält, weiß er nicht. Der Widerstand zehrt an seinen Kräften. Sieben Kilo habe er mittlerweile an Gewicht verloren. "Da muss man alles essen, was man kriegen kann", sagt er und wartet auf seinen Becher Schokoladeneis.

Aus den USA berichtet für RTL Aktuell Online: Benjamin Seebach