Attentäter von Halle

Einzelgänger auch im Knast: Mordprozess gegen Stephan B. soll im Juli starten

Der Tatverdächtige von Halle steht ab Juli vor Gericht
© dpa, Uli Deck, ude wst

03. Juni 2020 - 17:05 Uhr

121 Seiten Anklageschrift

Er wollte ein Blutbad in der Synagoge der Jüdischen Gemeinde in Halle anrichten und scheiterte. In weniger als acht Wochen soll der Prozess gegen den mutmaßlichen Attentäter Stephan B. starten. 121 Seiten hat die Anklageschrift – die Vorwürfe werden wohl ab 21.Juli verhandelt. 14 Verhandlungstage sind geplant. Unter anderem zweifacher Mord, versuchter Mord an 68 Menschen und gefährliche Körperverletzung werden ihm vorgeworfen.

Seine Waffen versagten

Die Anklageschrift zeigt detailliert, wie knapp Stephan B. am 9. Oktober 2019 mit seinem Vorhaben scheiterte, ein Blutbad unter den 52 Besuchern der Synagoge der Jüdischen Gemeinde in Halle anzurichten. Der mutmaßliche Täter schaffte es nicht, in das Gebäude einzudringen - trotz Einsatz von Schusswaffen gegen das Türschloss. Auch die mit einem 3-D-Drucker gebauten Waffen versagten regelmäßig, was unter anderem einer unbeteiligten Passantin an der Synagoge das Leben rettete. Auf sie hatte der 27-Jährige bereits eine Maschinenpistole gerichtet, durch die Ladehemmung konnte die junge Frau fliehen.

Bibliothek wird für Mammut-Prozess umgebaut

Derzeit sitzt Stephan B. in Halle in der im Volksmund "Roter Ochsen" genannten JVA ein. Am Pfingstsonnabend kletterte er sort am frühen Nachmittag über einen Zaun und hielt sich fünf Minuten unbeaufsichtigt im Innenbereich der Anstalt auf. Dort nahmen ihn Bedienstete wieder in Gewahrsam. B. leistete dabei keinen Widerstand.

Während des Prozesses steht laut Informationen von RTL auch eine Verlegung nach Burg im Raum. Von dieser JVA ist es nicht so weit nach Magdeburg, wo der Prozess stattfinden wird.

Das verhandelnde Oberlandesgericht hat seinen Sitz in Naumburg. In dem Städtchen an der Saale fehlt es allerdings an den Räumlichkeiten für einen solchen Mammut-Prozess. Auch Corona macht die Durchführung schwieriger. Deswegen wird die dortige Bibliothek des Landgerichtes Magdeburg umgebaut, um den Prozessbeteiligten und Besuchern unter erschwerten Hygienebedingungen die Verhandlung zu ermöglichen.

Stephan B. hat kaum Besuch

Im Gefängnis hat Stephan B. viel Zeit zum Nachdenken über seine Taten. Dort wird er seinem Image als Einzelgänger gerecht: Zu Mithäftlingen hat er keinerlei Kontakt. Besuch erhält er genau von einer Person: seiner Mutter. Sonstige Verwandte, Freunde – Fehlanzeige.

Laut Anklageschrift ist der mutmaßliche Attentäter voll schuldfähig, allerdings kommen Gutachter zu dem Ergebnis, dass bei B. "eine komplexe Persönlichkeitsstörung" vorliegt. Die Verantwortlichen in der JVA sind deshalb wachsam. Der mutmaßliche Attentäter wird sorgsam überwacht, seine Schlafkleidung besteht – wie in ähnlich gelagerten Fällen üblich – aus Papier. Die Anklage geht außerdem davon aus, dass B. nach Verbüßung einer möglichen Haftstrafe nicht in die Freiheit entlassen wird, sondern in Sicherungsverwahrung verbleibt.