Einmarsch der Türkei in Nord-Syrien

Was die türkische Offensive in Syrien für Deutschland bedeutet

15. Oktober 2019 - 15:07 Uhr

Türkei will kurdische Miliz YPG aus Nordsyrien vertreiben

Trotz vieler Proteste hat Präsident Erdogan seine Ankündigung wahr gemacht: Vergangene Woche starteten türkische Truppen eine Militäroffensive im Norden Syriens. Die Türkei will in dem Gebiet die kurdische Miliz der YPG vertreiben. In den Augen Erdogans ist die Miliz eine Terrororganisation und für Anschläge in der Türkei verantwortlich. Wie schlimm die Situation in Syrien nur knapp eine Woche nach Beginn der Offensive bereits ist, zeigen wir in unserem Video.

Mehrere Demonstrationen von Kurden in Deutschland

 Teilnehmer beim Demonstrationszug Stoppt die Invasion kurdischer Gebiete in der Deutzer Werft. Köln, 12.10.2019  Participants in the demonstration Stoppt die Invasion kurdischer Gebiete in der Deutzer Werft Cologne, 12 10 2019 Foto:xC.xHardtx/xFutur
Die Militäroffensive der Türkei hat auch Folgen in Deutschland: In viele Städten protestierten Tausende Kurden gegen Erdogans Vorgehen.
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Obwohl Tausende Kilometer entfernt, haben die Kämpfe auch große Auswirkungen auf Deutschland. Denn in der Bundesrepublik leben viele Menschen, die türkische oder kurdische Wurzeln haben. Die Sicherheitsbehörden befürchten, dass militante kurdische Gruppen Anschläge auf Geschäfte oder Moscheen türkischer Migranten verüben. Erst am Montag eskalierte eine Demonstration von Kurden in Herne (NRW). Die Bilanz: Fünf Menschen wurden verletzt, ein türkisches Café verwüstet.

Militäroffensive in Syrien könnte für neue Flüchtlingswelle sorgen

Durch die Kämpfe in Nordsyrien werden auch viele Einheimische vertrieben. Damit droht eine neue Flüchtlingskrise. Der türkische Präsident Erdogan hatte der EU mit Grenzöffnung gedroht, sollte diese die Offensive als "Besatzung" bezeichnen.

Noch ist unklar, wo die Menschen Zuflucht finden. Kurzfristig könnte sich die überwiegend kurdische Bevölkerung in den Nordirak begeben. Dort wohnen ebenfalls viele Menschen kurdischer Abstammung. Sollte die türkische Armee jedoch länger in Nordsyrien bleiben, könnte Europa das Ziel vieler Flüchtlinge werden. Laut der UN flohen bereits 130.000 Menschen vor den Kämpfen.

Erstarkt der IS aufgrund des Chaos in der Region wieder?

Zudem ist die Gefahr groß, dass Kämpfer des Islamischen Staats (IS) das Chaos in Syrien ausnutzen und aus ihren Gefängnissen ausbrechen und sich neu formieren. Die Gefahr: Neue Anschläge in Europa und dem Nahen Osten. Nach Angaben der Bundesregierung befanden sich im September allein 111 Islamisten aus Deutschland in Syrien in Haft. Am Freitag konnten bereits fünf IS-Terroristen aus ihrem Gefängnis flüchten, weil viele ihrer kurdischen Bewacher an der Front kämpfen.

Deutschland stoppt alle Waffenlieferungen in die Türkei

 Bundesaussenminister Heiko Maas SPD im Gespraech mit der Presse in Kinshasa, 05.09.2019. Kinshasa Congo  Foreign Minister Heiko Maas SPD in talks with the press in Kinshasa, 05 09 2019 Kinshasa Congo PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xXande
Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) verurteilte den türkischen Angriff bereits aufs Schärfste.
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Für die deutsch-türkischen Beziehung ist die Offensive eine schwere Belastungsprobe. Außenminister Maas verurteilte den türkischen Angriff bereits aufs Schärfste. "Die Türkei nimmt damit in Kauf, die Region weiter zu destabilisieren und riskiert ein Wiedererstarken des IS", sagte der SPD-Politiker. Es drohe nun eine weitere humanitäre Katastrophe sowie eine neue Fluchtwelle. Als Konsequenz verkündete Maas bereits den Stopp aller Waffenlieferungen an die Türkei. Auch Frankreich und viele weitere EU-Staaten haben sich dem Exportstopp bereits angeschlossen.

Und auch wirtschaftlich hat die Offensive Folgen. Autobauer Volkswagen wollte eigentlich den Bau einer neuen Fabrik nahe der türkischen Stadt Izmir verkünden. Wegen der Kämpfe zweifelt das Unternehmen jetzt aber an den Plänen. Momentan liegt das Projekt auf Eis.