Einmal am Tag 'Allahu Akbar' in Gladbeck: Gehört der Muezzin-Ruf zu Deutschland?

26. April 2015 - 12:09 Uhr

Anwohner finden Muezzin-Ruf nicht in Ordnung

Es ist ein Streit, bei dem man nur den Kopf schütteln kann: Es geht um 55 Dezibel – ein vorbeifahrender Müllwagen ist wesentlich lauter, Kirchenglocken erst recht. Aus einer Gladbecker Moschee schallt der Muezzin-Ruf seit neuestem über Lautsprecher auch auf die Straße. Viele Anwohner finden das nicht in Ordnung, sie fühlen sich fremd in der eigenen Stadt.

Gladbeck Gehört der Muezzin-Ruf zu Deutschland?
In Gladbeck ruft der Muezzin einmal am Tag die Moslems aus der Gemeinde zum Gebet.

Vier Millionen Moslems leben in Deutschland. Die meisten muslimischen Gemeinden verzichten auf den Muezzin, der nach islamischem Glauben fünfmal am Tag Menschen zum Gebet ruft. In einigen Städten darf er inzwischen auch bei uns zum Gebet rufen, wie zum Beispiel in Gladbeck: In der 75.000-Einwohner-Gemeinde, in der jeder Dritte Moslem ist, wurde die Moschee schon 1998 gebaut – mit Minarett, aber ohne Muezzin-Ruf. So wurde es damals ausgemacht und per Handschlag besiegelt, doch Zeiten ändern sich: "Das ist jetzt 17 Jahre her und wir wussten, dass der Moscheeverein seit Jahren schon den Wunsch hat, irgendwann auch einmal diesen Muezzin-Ruf ausüben zu können", sagt Rainer Weichelt von der Stadt. "Der Moscheeverein ist vor ein paar Monaten an uns herangetreten und hat gesagt, wir möchten ihn jetzt ausführen."

Man einigt sich auf einen täglichen Ruf zum Mittagsgebet, der etwa drei bis fünf Minuten dauert. So ruft der Muezzin seit inzwischen einer Woche die Moslems aus der Gemeinde zum Gebet. Damit übernimmt Gladbeck im Prinzip eine Vorreiterrolle, denn in nur 19 Gemeinden darf der Muezzin-Ruf bis in die Nachbarschaft schallen.

Zu wenig Kommunikation im Vorfeld

Die plötzliche Neuerung hat aber nicht nur Befürworter, es gibt auch viel Bedenken: "Bei dem Muezzinruf wird ein textlicher Inhalt in arabischer Sprache wiedergegeben. Das verstehen die meisten Deutschen nicht", sagt Peter Rademacher, Vorsitzender der CDU-Ratsfraktion Gladbeck. "Eine gewisse Befürchtung kann natürlich sein, dass sich Menschen im eigenen Stadtquartier, im eigenen Stadtteil, irgendwie fremd vorkommen." Ähnlich äußern sich auch einige Anwohner, wollen aber namentlich nicht genannt werden.

Im 130 Kilometer entfernten Eschweiler gehört der Ruf bereits seit mehr als zwei Jahren zum Stadtbild. Dass es da keine Probleme mit Anwohnern gegeben hat, liegt vor allem an einem. "Es ist immer eine Frage der Kommunikation: Das heißt, es muss sehr viel Kommunikation im Vorfeld betrieben werden. Es muss informiert werden", sagt Yalcin Demirak, Sprecher der Ditib-Gemeinde Eschweiler. Genau das ist in Gladbeck versäumt worden. Die Anwohner erfuhren erst aus der Zeitung davon oder hörten von einem Tag auf den anderen die fremden Klänge. Ob der Muezzin-Ruf in Gladbeck eine Zukunft hat, ist noch offen.