Gross soll Schalke 04 retten

Eine wirklich seltsame Entscheidung

Neuer Schalke-Trainer Christian Gross
Neuer Schalke-Trainer Christian Gross
© dpa, es hm hjb

27. Dezember 2020 - 17:40 Uhr

Ein Kommentar von Tobias Nordmann

Der Schweizer Trainer Christian Gross soll den FC Schalke 04 retten. So hat es sich Sportvorstand Jochen Schneider gewünscht. Es ist eine ebenso mutige wie aberwitzige Entscheidung. Und für Schneider die letzte Chance, den Club und sich selbst zu retten.

Gross kein adventliches Märchen

Der Name Christian Gross kam jetzt nicht urplötzlich grüßend aus irgendeinem Nikolaus-Sack gekrochen, für ein adventliches Märchen hatten viele Fans des FC Schalke 04 die Gerüchte um den Schweizer Trainer allerdings schon irgendwie gehalten. Oder zumindest halten wollen. Denn tatsächlich stellt sich die Frage: Was soll das?

Wie um Himmels Willen kommt Sportvorstand Jochen Schneider auf die Idee, dass dem 66-Jährigen nun das gelingt, woran in dieser Bundesliga-Saison schon die Trainer David Wagner, Manuel Baum und Huub Stevens (einmalig) gescheitert sind. Nämlich diesem völlig verunsicherten Team den sportlichen Liga-Horror auszutreiben - bei 29 sieglosen Bundesligaspielen in Folge steht der Club aktuell.

Gross mit kleinem Gehalt

Laut Schneider soll Gross die als charakterlich schwierige geltende Mannschaft mit seiner autoritären Art gut führen können und den Job zudem für ein relativ kleines Gehalt übernehmen. Schneider kennt Gross aus gemeinsamen Zeiten beim VfB Stuttgart. Die waren erst ziemlich erfolgreich, dann das krachende Gegenteil. Er befreite den Club in der Saison 2009/10 mit dem besten Punkteschnitt aller Bundesliga-Trainer zunächst aus dem Abstiegskampf und führte die Schwaben noch in die Europa League. Dann wurde er in der neuen Saison aber sehr schnell entlassen.

Nun, solche Wunder-Geschichten finden in der Gelsenkirchener Existenzangst derzeit keinen Platz. Es geht tatsächlich lediglich um das sportliche (und finanzielle) Überleben. Und für das braucht es eigentlich jemanden, der diesen Club lebt. Der ihn leidet. Im Notfall frisst. Nicht Gross. Und das hat nicht mal etwas mit ihm zu tun.

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Mentalität zum Aufbäumen fehlt

Man mag das vielleicht nicht mehr glauben angesichts der tasmanischen Darbietungen in den vergangenen Wochen, aber die Schalker haben immer noch sehr gute Fußballer in ihrem Aufgebot. Es sind Fußballer, die wissen, wie man Zweikämpfe gewinnt, wie man Pässe spielt, wie man Tore schießt, oder aber ein erfolgreiches Pressing organisiert.

Es sind allerdings Fußballer, die sich schnell aufgeben, wenn es nicht läuft. Denen die Mentalität zum Aufbäumen fehlt. Es gibt offenbar keine oder zu wenige Fußballer, die vorangehen, an denen sich der Rest des Teams aufrichten. Es fehlt das Gefühl für das Team. Das Gefühl für den Zusammenhalt. Es fehlt das Gefühl für den Club. So wirkt es.

Weit weg von Maloche

Es sind einfach (zu viele) Fußballer, die weit weg sind von der Identität, über die sich dieser besondere Verein definiert. Die weit weg sind von Leidenschaft, von Feuer, von Maloche. Und sollten die Gelsenkirchener noch zu retten sein, dann nur, wenn es einem Trainer gelingt, die Emotionalität der Geschichte, der Fans, der Stadt auf die Spieler zu übertragen. Wenn er die Spieler immer und dauerhaft mit der ihr eigenen Leidenschaft penetriert. Wenn er eine Elf findet, die ihm folgt, die sich für ihn zerreißt.

Fast alle Helden der verehrten legendären "Eurofigther"-Generation haben sich für eine Lösung mit königsblauen Adern ausgesprochen, mit emotionaler Malocher-Attitüde. Die meisten "Eurofighter" sind keine Legenden an der Linie, aber gern gehörte rund um den Club. Jochen Schneider hat all das ignoriert, was sein gutes Recht ist. Ein Friedhelm Funkel wäre spannend gewesen, ein Mike Büskens mutig, ein Peter Neururer aufregend, polarisierend, erweckend.

Ein sportlicher Wahnsinn

Stattdessen gräbt der Sportvorstand nun eine gute Erinnerung aus. Eine, die mit Schalke nichts zu tun hat, die laut Medienberichten die eigene Trainerkarriere eigentlich beendet hatte und außerdem seit acht Jahren nicht mehr im europäischen Fußball unterwegs war. Sondern (allerdings sehr erfolgreich) in Nordafrika und auf der arabischen Halbinsel. Ein sportlicher Wahnsinn.

Ein Plan gegen die Schalker Identität. Ein Plan gegen die Schalker Bedürfnisse. Einer, an dessen Erfolg auch das Schicksal des Jochen Schneider untrennbar geknüpft ist.

Quelle: ntv.de