Ein Toter und hunderte Verletzte: Brasilien erlebt Szenen wie im Bürgerkrieg

08. Januar 2014 - 15:05 Uhr

"Die Polizei hat komplett die Kontrolle verloren"

Die historische Protestwelle in Brasilien eskaliert weiter. Die dritte Protestnacht begann friedlich und hoffnungsvoll, doch sie endete in Chaos und Gewalt. Ein Mensch kam ums Leben, vermutlich wurden Hunderte verletzt. Die Polizei ging zum Teil brutal gegen die Menschen vor, die ein Jahr vor der Fußball-WM gegen soziale Ungerechtigkeiten demonstrierten. In vielen Städten gerieten die Proteste außer Kontrolle – es kam zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Präsidentin Dilma Rousseff verschob eine für Sonntag geplante Reise und berief für eine Krisensitzung ein.

Brasilien Proteste
Die Polizei ging zum Teil brutal gegen friedliche Demonstranten vor.
© dpa, Fernando Bizerra Jr

"Das war eine unglaubliche Nacht, die wir hier erlebt haben", berichtet Adrian Geiges, Korrespondent für RTL in Rio de Janeiro. "Ein unglaubliches Vorgehen gegen einen riesigen Protest." Er glaubt nicht, dass die Regierung die Menschen in den nächsten Tagen beruhigen kann: "Die bekommen das nicht mehr in den Griff."

Etwa eine Million Brasilianer waren in etwa 100 Städten des südamerikanischen Landes auf der Straße. Sie forderten ein besseres Gesundheits- und Bildungssystem und eine Ende der Korruption. In Rio de Janeiro wurden 44 Menschen verletzt, in Brasília über 100. Viele erlitten Verletzungen durch Gummigeschosse der Polizei oder hatten Atemwegsbeschwerden durch Tränengas-Granaten.

Die größten Proteste gab es in Rio mit rund 300.000 Menschen. Die Allermeisten demonstrierten völlig friedlich und zogen durch das Zentrum der Stadt in Richtung Amtssitz des Bürgermeisters. Doch die Situation eskalierte, als die Polizei Tränengas-Granaten auf den Protestzug abfeuerte. Anschließend kam es zu Straßenschlachten. Randalierer setzten im Verlauf der Nacht Autos in Brand, rissen Zäune um und steckten Plastikplanen in Brand.

"Wir haben es mit einer nationalen Bewegung zu tun"

Die Polizei war mit berittenen Einheiten und gepanzerten Fahrzeugen im Einsatz und ging brutal gegen die Demonstranten vor. "Die Polizei hat komplett die Kontrolle verloren und ist unfähig, mit solchen Demonstrationen umzugehen", sagte die Kollegin eines TV-Reporters, der durch ein Gummigeschoss am Kopf verletzt wurde.

Bei Protesten in Ribeirão Preto, rund 300 Kilometer von São Paulo entfernt, wurde ein 18-Jähriger getötet. Ein Autofahrer, der sich offenbar weigerte, an einer von Demonstranten errichten Barrikade zu halten, erfasste ihn mit seinem Wagen. In São Paulo gingen über 100.000 Menschen auf die Straße. Dort verliefen die Proteste weitgehend friedlich.

Zusammenstöße gab es in mindestens zehn weiteren Städten, darunter in der Hauptstadt Brasília. Dort kam es nach zunächst friedlichen Protesten von etwa 60.000 Menschen zu Tumulten und Randalen im Regierungsviertel. Die Demonstranten versuchten den Kongress, den Sitz von Senat und Abgeordnetenhaus, zu stürmen. Ein massives Polizeiaufgebot hinderte sie daran. Tränengas und Gummigeschosse wurden eingesetzt. Berittene Polizisten drängten die Demonstranten ab, die dann vor das Außenministerium, den Palácio Itamaraty, auswichen. Dort legten sie Feuer an einer Außenwand. Die Bilanz in Brasília: Über 100 Verletzte. "Ich bin sehr zornig über das, was geschehen ist", sagte Außenminister Antonio Patriota. "Das war ein Akt des Vandalismus, der sich nicht mehr wiederholen darf."

Der Historiker Francisco Carlos Teixeira von der Universität Rio verwies in einem TV-Interview auf den breiten Forderungskatalog der Demonstranten. "Aber das Nein zur Korruption wird von den Allermeisten zuerst genannt. Die Korruption ist die zentrale Frage, und wir haben es hier mit einer nationalen Bewegung zu tun." Er kritisierte die "brutale Antwort" der Polizei auf das Verhalten von Randalierern, bei denen es sich um Autonome und Anarchisten handele. "Wir können Vandalismus nicht mit Vandalismus beantworten."

In Campinas bei São Paulo kam es an einer Straßenkreuzung zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Polizisten und Demonstranten. In Salvador im Bundesstaat Bahia, wo am Donnerstag eine Partie des Confederations Cups ausgetragen wurde, setzten Randalierer einen Bus in Brand und beschädigten zwei Mini-Busse des Fußball-Weltverbandes FIFA. Die Protestaktionen in über 100 Städten des Landes waren vor allem über das Internet koordiniert worden.

Präsidentin Rousseff verschob wegen der Demonstrationen eine für Sonntag geplante Reise nach Japan. Die Präsidentin ziehe es derzeit vor, nicht eine ganze Woche außerhalb des Landes zu sein, sagte ihr Sprecher. Auch ein für heute angesetzter Termin der Staatschefin in Salvador wurde abgesagt. Rousseff berief für heute sie eine Dringlichkeitssitzung in Brasília ein, an der auch Justizminister José Eduardo Cardozo teilnehmen soll.