Ein Jahr voller "Für und Wider"

© dpa, Bernd Weissbrod

3. Dezember 2010 - 17:21 Uhr

Der Start in die Bauphase

Es ist das wohl bekannteste und zugleich umstrittenste Bauprojekt des Jahres 2010. Die Rede ist vom Verkehrs- und Städtebauprojekt Stuttgart 21. Dabei verursachte die geplante Umgestaltung des Stuttgarter Hauptbahnhofes vom derzeitigen Kopfbahnhof in einen Durchgangsbahnhof über das Jahr hinweg einen stetigen Wechsel von Für und Wider.

Den Start eines turbulenten Jahres fand das Projekt am 2. Februar. Damals hatten die Projektpartner Deutsche Bahn AG, der Bund, das Land Baden-Württemberg, die Stadt Stuttgart, der Flughafen Stuttgart sowie der Verband Region Stuttgart mit den Umbauarbeiten am Stuttgarter Eisenbahnknoten begonnen. Als am 30. Juli 2010 der Abriss des Nordflügels vorbereitet wurde, starteten die ersten Protestaktionen. Rund 2.000 Projektgegner behinderten die geplanten Arbeiten, indem sie sich mit Sitzblockaden und Straßensperrungen den Bauarbeitern förmlich in den Weg setzten.

Die Proteste weiten sich aus

Zahlreiche Gegner des Projektes tragen während eines Protestzuges Plakate und Luftballons durch die Landeshauptstadt Baden-Württembergs.
Zahlreiche Gegner des Projektes tragen während eines Protestzuges Plakate und Luftballons durch die Landeshauptstadt Baden-Württembergs.
© dpa, Uwe Anspach

Vor allem im September und Oktober mehrten sich die Proteste zunehmend. Während am 7. September ein Baumhaus der Aktivisten der Umweltorganisation 'Robin Wood' durch die Polizei geräumt werden musste, organisierten die Demonstranten bereits drei Tage später eine neuerliche Aktion. Dabei demonstrierten laut Polizeiangaben 35.000 (auf Veranstalterseite wurde von 69.112 gesprochen) Menschen gegen das von den Auftraggebern als Jahrhundertprojekt bezeichnete Verkehrsprojekt und äußerten ihr Unverständnis mit einer Menschenkette, die um den Stuttgarter Landtag positioniert wurde.

Am 30. September 2010 kommt es zur ersten Eskalation im Streit um das Bauprojekt, als eine Schüler-Demonstration gefährliche Ausmaße annimmt. Dabei gehen Polizisten aus ganz Deutschland mit Schlagstöcken, Wasserwerfern und Reizgas gegen die Demonstranten vor, die die Zufahrtswege zum mittleren Schlossgarten versperrten.

Besonders tragisch an dieser Demonstration: Dietrich Wagner, dessen Foto mit blutigen Augenverletzungen um die Welt ging, wird nach Auskunft seiner Ärzte auf einem Auge blind bleiben. Wagner habe nach eigenen Angaben versucht, Jugendlichen zu helfen, die vom Strahl des Wasserwerfers weggefegt worden waren. Dann traf ihn selbst der Wasserstrahl direkt ins Gesicht - so massiv, dass er ohnmächtig geworden sei. Ein Polizeivideo zeigt allerdings auch Szenen, in denen Wagner die Polizei mit Gegenständen beworfen und sich mehrfach demonstrativ vor die Wasserwerfer gestellt haben soll. Trotz dem die genaue Entstehung der Verletzung umstritten ist, bleibt die Tatsache, dass Wagner erblindet und 16 weitere Personen verletzt wurden, trauriges Detail des Aufstandes gegen Stuttgart 21.

Lesen Sie auf Seite 2: Juchtenkäfer und Schlichtungen beeinflussen das Bauprojekt in Stuttgart

Baustopp durch Juchtenkäfer

Der Protest reist nicht ab: Immer mehr Menschen gehen zum Protest gegen das geplante Bauprojekt 'Stuttgart 21' auf die Straße und machen ihrem Unmut Luft.
Der Protest reist nicht ab: Immer mehr Menschen gehen zum Protest gegen das geplante Bauprojekt 'Stuttgart 21' auf die Straße und machen ihrem Unmut Luft.
© dpa, Bernd Weissbrod

Bereits einen Tag nach der Eskalation werden unter massivem Polizeischutz die ersten 25 Bäume im Schlosspark gefällt. Ein neuerlicher Grund für die Gegner des Projektes mit Großdemonstrationen gegen Stuttgart 21 vorzugehen. Während Bagger die Bäume aus dem Boden rissen, machten die Aktivisten stundenlang mit Trillerpfeifen und Sprechchören ihrem Unmut Luft.

Indes verfügt am 7.Oktober das Eisenbahnbundesamt, dass die Abholzung im Mittleren Schlossgarten solang eingestellt werden müsse, bis der Schutz von Juchtenkäfern und Fledermäusen, die auf dem Gelände leben, sichergestellt sei. Mit dem geforderten Schutz des Juchtenkäfers im Rücken wächst der Protest weiter: 55.000 Menschen, Veranstalter sprechen sogar von bis zu 100.000 Teilnehmern, gingen nach Schätzungen der Polizei am 9. Oktober gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 auf die Straße und äußern weiterhin deutlich, dass sie einen Umbau des Hauptbahnhofes verhindern wollen.

Schlichtung soll weiterhelfen

Schlichter Heiner Geißler zwischen den Fronten: Projektgegnerin Brigitte Dahlbender (l.) und Befürworter Volker Kefer beantworten nach den Schlichtungsrunden die Fragen der Journalisten.
Schlichter Heiner Geißler zwischen den Fronten: Projektgegnerin Brigitte Dahlbender (l.) und Befürworter Volker Kefer beantworten nach den Schlichtungsrunden die Fragen der Journalisten.
© dpa, Bernd Weißbrod

Doch trotz der monatelangen Auseinandersetzungen hält die Landesregierung Baden-Württembergs am umstrittensten Bauprojekt des Jahres fest, entscheidet sich jedoch dafür, eine Schlichtung einzuberufen. Ministerpräsident Stefan Mappus ernannte den CDU-Politiker Heiner Geißler zum Vermittler, der ab dem 22.Oktober die insgesamt sieben Schlichtungsrunden leitete. Das Novum: Die Schlichtungsprozesse werden live in Fernsehen und Internet übertragen.

Ende November gibt Geißler den Schlichterspruch zum Projekt bekannt, indem er sich für einen Weiterbau des Bahnprojektes ausspricht, aber deutliche Veränderungen fordert. Laut Geißler könne das Projekt lediglich befürwortet werden, wenn entscheidende Verbesserungen vorgenommen werden. Und während sich Befürworter und Gegner nun darüber streiten, was die im Schlichterspruch geforderten Nachbesserungen wohl kosten, verpflichtete sich die Bahn zu einem "Stresstest". Dabei soll in einer Simulation die versprochene Leistungsfähigkeit des geplanten Tiefbahnhofs nachgewiesen werden.

Bisher ruhen die meisten Bauarbeiten am Projekt Stuttgart 21. Wie genau die Zukunft des Bauprojektes aussehen wird, bleibt jedoch auch nach einem turbulenten Jahr voller Beschlüsse, Demonstrationen und Schlichtungsrunden unklar.