Ein Jahr nach dem Anschlag von Nizza: "Ich werde mein ganzes Leben unglücklich sein"

14. Juli 2017 - 16:58 Uhr

Die Menschen haben sich noch nicht erholt

Der 14. Juli wird in Paris jedes Jahr mit einer prunkvollen Militärparade gefeiert. Der Nationalfeiertag der Franzosen weckt in diesem Jahr allerdings auch traurige Erinnerungen. Genau vor einem Jahr starben bei einem Terroranschlag auf der Strandpromenade in Nizza 86 Menschen. Der Attentäter raste mit einem Lastwagen in die Menschenmenge, die sich dort versammelt hatte, um das Feuerwerk anlässlich des Feiertages zu sehen.

Noch immer ist es für viele Angehörige der Opfer und Zeugen des Anschlags schwer, mit den Ereignissen umzugehen. "Insgesamt haben die Leute sich ein Jahr danach nicht erholt", erzählt Emilie Petitjean. Die 36-Jährige ist Vorsitzende des Opfervereins Promenade des Anges (Promenade der Engel) und hat bei der Attacke ihren zehnjährigen Sohn Romain verloren. "Manche sind noch am gleichen Punkt wie am 14. Juli 2016 um 22.34 Uhr", sagt sie.

"Ich habe nicht mal geweint"

Emilie Petitjean hat ihren Sohn verloren
Emilie Petitjean hat bei dem Anschlag von Nizza ihren zehn Jahre alten Sohn verloren.
© dpa, Sebastian Kunigkeit, tba

Nach den Anschlägen in Paris im Januar und November 2015 hatte ihr Sohn schreckliche Angst. Emilie versprach dem Jungen, alles zu tun, um ihn zu beschützen. "'Dir wird nichts geschehen', das habe ich meinem Sohn gesagt", erzählt sie mit brechender Stimmer. Doch vor dem Lastwagen, der wahllos Mensch überrollte, konnte sie ihn nicht beschützen.

Am Abend des 14. Juli war Romain mit seinem Vater unterwegs, um das Feuerwerk zu sehen. Irgendwann bekam Emilie dann einen Anruf ihres Ex-Mannes. "Ich war wie vor den Kopf gestoßen", erinnert sie sich. "Ich habe nicht mal geweint, weil ich das nicht realisiert habe." Die Tränen kamen dann später – wochenlang. "Ich werde mein ganzes Leben unglücklich sein. Ich werde Momente des Glücks haben, hoffe ich – aber die werden zwangsläufig überschattet von der Abwesenheit meines Ältesten", sagt Emilie. Ihren jüngeren Sohn will die Frau nun umso mehr beschützen. Er werde niemals zu einem Feuerwerk gehen oder zum Karneval. "Ich habe es gerade so geschafft, ihn ins Kino mitzunehmen, wo ich völlig verängstigt war", erzählt sie.

Jahrestag ist die Chance für einen Neuanfang

Parade zum Nationalfeiertag in Paris
In Paris wird der Nationalfeiertag jedes Jahr mit einer Militärparade gefeiert.
© REUTERS, GONZALO FUENTES, SAA/

Für die Stadt Nizza ist der erste Jahrestag des Anschlags zwar mit schrecklichen Erinnerungen verbunden, aber auch die Chance für einen Neuanfang. Der Tag sei zwar schwierig aber auch ein "Moment der Wiedergeburt", meint Stadträtin Catherine Chavepeyre-Luccioni, die für Opferhilfe zuständig ist. Seit einem Jahr durften auf der Promenade keine Veranstaltungen stattfinden, das wird sich bald ändern.

"Ab dem 15. Juli wird das Leben komplett auf die Promenade des Anglais zurückkehren", erklärt Rudy Salles, der für Tourismus zuständige Beigeordnete. Die Stadtverwaltung hat 20 Millionen Euro ausgegeben und den Boulevard komplett neu herrichten lassen. Am Abend sollen 86 Lichtsäulen auf in den Himmel steigen, um der Opfer zu gedenken. Außerdem sind eine Militärparade, ein Konzert und eine Gedenkzeremonie geplant. Außerdem sollen 86 Kieselsteine, die in den französischen Nationalfarben angemalt wurden, auf einem 6.000er-Gipfel im Himalaya abgelegt werden.

Auch wenn in Paris der Nationalfeiertag festlich begangen wird – sogar US-Präsident Donald Trump wird sich die Parade ansehen – für die Angehörigen ist es wichtig, dass die Opfer nicht vergessen werden.