Ein Jahr Bundespräsident: Gauck vom Schicksal der Wulffs bewegt

06. April 2013 - 19:21 Uhr

"Hinterfragen von Politikern gehört zu unserer politischen Kultur"

Bundespräsident Joachim Gauck hat Mitleid mit seinem Vorgänger Christian Wulff und dessen Frau Bettina bekundet. "Zunächst einmal gehört ein ganz genaues Überprüfen und Hinterfragen von Politikern zu unserer politischen Kultur. Trotzdem bewegt mich das Schicksal von Christian Wulff und seiner Frau", sagte Gauck der 'Bild'-Zeitung.

Gauck, Wulff
Gauck am Grab des äthiopischen Kirchenführers Gudina Tumsa.
© dpa, Wolfgang Kumm

Er habe "damals das junge Paar hier ins Schloss Bellevue einziehen sehen mit all ihren Hoffnungen, was sie vielleicht politisch bewegen könnten. Wenn ich dann heute sehe, was aus diesen Hoffnungen geworden ist, dann tut mir das menschlich leid", so Gauck.

Gauck war vor genau einem Jahr - am 18. März 2012 - zum Nachfolger Wulffs gewählt wurde, der nach nur 20 Monaten im Amt zurücktreten musste. Die seit gut einem Jahr laufenden Ermittlungen gegen Wulff wegen Vorteilsannahme sollen gegen Zahlung einer Geldbuße eingestellt werden, berichteten mehrere Medien unter Berufung auf niedersächsische Justizkreise.

Nach Wulffs unrühmlichen Ende als Bundespräsident wird Nachfolger Gauck nach einem Jahr im Amt mit Lob überhäuft. "Ich finde, er ist ein hervorragendes Staatsoberhaupt", erklärte der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel. Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin sieht Gauck als "Gewinn für unser Land". Trittin befand außerdem: "Joachim Gauck hat Deutschland ein nachdenkliches, aber warmes Gesicht gegeben." Seine Europa-Rede und sein Umgang mit den Angehörigen der NSU-Opfer habe ihm gut gefallen, sagte der Grünen-Politiker. SPD und Grüne hatten Gauck als Kandidaten ins Spiel gebracht.

Jubiläum am Grab eines Märtyrers

Gauck selbst sagte, er habe seine Kandidatur für das Amt des Staatsoberhauptes nie bereut. "Ich habe mich zwar anfangs nicht durchgängig wohlgefühlt, weil ich mich erst daran gewöhnen musste, rund um die Uhr unter Beobachtung zu stehen. Aber bereut habe ich den Schritt nie", sagte der aus Rostock stammende frühere Pfarrer und Gründungschef der Stasi-Unterlagen-Behörde.

Sein Jubiläum feierte Gauck weit weg von Berlin und mit einer besonderen Ehrung: Der 73-Jährige besuchte in Addis Abeba das Grab des äthiopischen Kirchenführers Gudina Tumsa und legte dort ein Blumengebinde nieder.

Tumsa war der langjährige Generalsekretär der evangelischen Kirche Mekane Yesus in Äthiopien und stand der brutalen Militärdiktatur der Derg in den 1970er Jahren kritisch gegenüber. Im Jahr 1979 wurde er nach einem Abendgottesdienst von Derg-Soldaten entführt und ermordet.

"Wir ehren einen Märtyrer", sagte Gauck bei der kurzen Zeremonie. Tumsa habe im Geiste von Dietrich Bonhoeffer und Martin Luther King für die Menschenrechte gekämpft. Seine Witwe, die selbst jahrelang in Haft saß, kam zusammen mit einer der Töchter ebenfalls zu der Ehrung. Den vier Kindern war es damals zum Teil mit Hilfe der Kirche in Deutschland gelungen, Äthiopien zu verlassen.