Ein gutes 'Fohlen' springt auch mal höher, als es muss

Mit dem Sieg bei Fenerbahce Istanbul hat Gladbach in der Europa League ein Ausrufezeichen gesetzt.
Mit dem Sieg bei Fenerbahce Istanbul hat Gladbach in der Europa League ein Ausrufezeichen gesetzt.
© dpa, Marius Becker

06. Oktober 2015 - 8:57 Uhr

Früh angezählt, eindrucksvoll zurückgekämpft und zum Schluss ein Ausrufezeichen gesetzt: Mit dem überzeugenden 3:0-Erfolg bei Fenerbahce Istanbul hat Borussia Mönchengladbach die Gruppenphase der Europa League beendet. Nachdem einige Kritiker dem VfL nach dem Stotterstart schon die Europatauglichkeit abgesprochen hatten, zeigten die zuvor qualifizierten 'Fohlen' beim sportlich bedeutungslosen Spiel in der Türkei, dass sie auch mal höher springen, als sie müssen – wer hätte das vor zwei Monaten gedacht?

Es war der 4. Oktober, als das Ausscheiden schon besiegelt schien. Fenerbahce führte Gladbach im Borussia-Park vor, der Bundesligist stand nach der 2:4-Niederlage am Ende der Tabelle. Nachdem die Elf vom Niederrhein in der Qualifikation zur 'Königsklasse' an Dynamo Kiew gescheitert war, sah es so aus, als habe die Mannschaft noch nicht einmal die Qualität, um in der Europa League zu bestehen. Das Abenteuer Europa ist schon zu Ende, tönten nicht wenige der so genannten Experten, die plötzlich verstummt sind.

Spätestens mit dem Sieg in Istanbul haben die Gladbacher bewiesen, dass sie zu Recht auf der internationalen Bühne vertreten sind. "Mit dem, was wir gespielt haben, kann man sich in Europa zeigen", sagte Sportdirektor Max Eberl, dem der Stolz ins Gesicht geschrieben stand: "Ich muss einer Mannschaft, die zuvor noch nie so zusammen gespielt hat, ein Kompliment machen" – und da konnte man sich nur anschließen.

Obwohl Trainer Lucien Favre seine Leistungsträger Marc-Andre ter Stegen, Martin Stranzl, Tony Jantschke, Juan Arango, Havard Nordtveit, Igor de Camargo und Thorben Marx sowie die verletzten Filip Daems und Lukas Rupp in Gladbach ließ, meisterten die 'B-Fohlen' den Hexenkessel mit Bravour: Tolga Cigerci brachte den Bundesligisten mit einem herrlichen Schlenzer in Führung (22.), ehe Mike Hanke per Foulelfmeter erhöhte (28.). "Wir standen 90 Minuten sehr kompakt und haben bis zum Ende nur Distanzschüsse zugelassen. Und das mit einer Truppe, die so noch nie zusammen gespielt hat", sagte Hanke: "Das war einfach stark."

Gladbach im 1/16-Finale: Es warten dicke Brocken

Da passte es ins Bild, dass der schon als Fehleinkauf abgestempelte Neuzugang Luuk de Jong das i-Tüpfelchen auf eine starke Leistung am Bosporus setzte: Nach seiner Kapselverletzung, die den Holländer sechs Wochen außer Gefecht gesetzt hatte, markierte der eingewechselte Stürmer den Endstand (79.). "Es ist schön, dass ich ein Tor gemacht habe. Aber das Wichtigste war, dass ich wieder auf dem Platz stehen durfte", so der Angreifer: "Ich denke, wir können alle stolz darauf sein, was wir hier gezeigt haben."

Das galt sicherlich für den letzten Auftritt in der Gruppenphase, nicht aber für die komplette Vorrunde. Nach dem verpatzten Auftakt in Limassol (0:0) und der 2:4-Niederlage gegen Fenerbahce stand die Borussia schon früh mit dem Rücken zur Wand. Es folgten vier Punkte im Vergleich mit Olympique Marseille, in denen die Mannschaft endlich spielerische Klasse und auch den nötigen Kampfgeist bewies. Mit einem glanzlosen 2:0 gegen Limassol buchte Gladbach vorzeitig das Achtelfinale – manchmal springt ein gutes 'Fohlen' eben nur so hoch, wie es muss.

Am Donnerstag war das anders: Obwohl es nur noch um die Goldene Ananas ging, bewies die junge Truppe, dass auch der zweite Anzug der Borussia europatauglich ist und höhere Hürden im Galopp gemeistert werden können. Eine eindrucksvolle Vorstellung – wenn gleich auch Fenerbahce nicht die Stammelf auf den Rasen geschickt hatte.

Als Belohnung für das Schaulaufen in der Türkei sind den Gladbachern nicht nur 200.000 Euro Siegprämie, sondern zweifelsfrei auch der Respekt der kommenden Gegner gewiss, wenn in der nächsten Runde dann vielleicht auch wieder ein Hauch von Champions League durch den Borussia-Park weht: Mit Gegnern wie dem FC Liverpool, dem FC Chelsea oder Lazio Rom warten in der Runde der letzten 32 nämlich richtig dicke Brocken.