Ein Brief zum Totensonntag: Nick vermisst seinen Vater

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Am Totensonntag denken viele Menschen an ihre verstorbenen Angehörigen. Nick aus Bochum ebenfalls - so wie auch an vielen anderen Tagen.
frg fdt, dpa, Friso Gentsch

Ein Brief als Erinnerung

Nick ist 15 Jahre alt. Er ist ein echtes Ruhrpottkind, liebt Pommes Rot-Weiß, Fußball und lange Fahrradtouren mit seinem Vater. Seit dem Vatertag in diesem Jahr hat sich für Nick allerdings alles verändert. Sein Papa erlitt auf einem Ausflug mit Freunden einen Herzinfarkt und starb. Nick hat seinem Vater einen Brief geschrieben. Für sich, für seine Familie – und ganz besonders für seinen Vater. Denn der schaut ihm zu, da ist er sich ganz sicher.

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wro fpt, dpa, Winfried Rothermel

Hallo Papa!

Nun ist es schon eine Weile her, dass wir uns gesehen haben. Leider vergeht die Zeit wie im Fluge. Als du an jenem Tag einfach nicht mehr nach Hause gekommen bist, stand die Welt für mich still. Doch sie ging für andere ganz normal weiter. Man wird mitgerissen vom Alltag. Man möchte ihm doch eigentlich entfliehen und sich ganz lange verstecken. Aber da kamen Probleme auf uns zu, die wir bewältigt haben: Alle zusammen! Und du hast uns mit Sicherheit auch dabei geholfen. Es war sehr schwer mit dieser Last auf den Schultern, dass die liebste Person in meinem Leben einfach verschwunden ist, weiterzumachen und wieder in den Alltag zurück zu gelangen.

Doch wie du da oben aus dem Himmel siehst, haben wir es geschafft! Dieser eine Platz am Tisch fehlt, deine eigene, besondere Art fehlt, dein Lachen über Witze fehlt, aber auch dein ernstes Ich fehlt. Es sind die kleinen Dinge, die man vermisst.

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ade lus csa, dpa, Arne Dedert

Am meisten fehlt mir die gemeinsame Zeit auf dem Fahrrad, im Wald, in den Bergen oder einfach auf den Straßen von Bochum. Auch wenn du mich ziemlich häufig zu meinem Glück zwingen musstest, wie du immer so schön gesagt hast, war ich letztendlich immer glücklich, wenn ich dabei war. Es hat einfach so viel Spaß gemacht, mit dir durch die Wälder zu radeln und einfach die frische Luft zu genießen, mit dir zu reden auch über Dinge, die dich eigentlich gar nicht interessiert haben, aber trotzdem hast du mit mir darüber geredet. Ich fand es toll, dass du immer, wenn wir einen besonderen Vogel gehört haben, direkt den Namen benennen konntest. Ich habe so viel gelernt durch dich, so viele Erfahrungen gesammelt durch dich und so viel Spaß gehabt durch dich. Es tut mir immer wieder im Herzen weh, wenn ich dein Fahrrad in der Garage sehe und daran denke, dass wir zusammen losfahren könnten, wann immer wir wollen. Ich kann es noch. Nur ohne dich.

Geocaching war dein Hobby! Verbunden mit dem Fahrrad war es die perfekte Kombination für dich. Wir beide waren immer auf einer Wellenlänge und fanden dieses Hobby super. Es gab kein schöneres Gefühl als mit dir zusammen Schätze im Wald zu suchen. Mein Lieblingsort zum Radeln in der Landschaft war die Elfringhauser Schweiz. Mein Lieblingsort in der Stadt war in Wattenscheid, weil wir nach dem Geocachen immer zu einer Gyros-Pommes Bude gefahren sind. Ich vermisse es.

Neben Fahrrad fahren und Geocaching war Fußball spielen zumindest früher auch ein großes Hobby von dir. Ich spiele jetzt seit 11 Jahren Fußball und ich glaube, dass du bis zu dem Tag bei so ziemlich jedem meiner Spiele dabei warst und immer interessiert zugeschaut hast. Es war immer ein beruhigendes Gefühl für mich, dass du am Spielfeldrand standest. Wir haben dann immer nach dem Spiel mein Spiel analysiert und manchmal hast du mir auch Tipps gegeben. Mich erfüllt es mit Schmerz auf den Fußball Platz zu treten, ohne dass du am Spielfeldrand stehst. Deswegen bete ich vor jedem Spiel dafür, dass du mir zuguckst. Mein Ziel ist es ein Tor zu machen für meinen Papa.

In meinem ganzen Leben bin ich keiner so netten und hilfsbereiten Person begegnet wie meinem Vater! Mein Ziel ist es, so zu sein wie du. Hilfsbereit, liebenswert, verliebt in die Natur und einfach großartig, oder wie du, Papa, immer gesagt hat: herrlich! Ich vermisse diese kleinen Momente, wie wenn du in die Wohnung reinkommst und „Helooooo“ ruft. Ich vermisse es mit dir ins Stadion zu gehen. Ich vermisse unsere Streite, denn am schönsten war es, dich dann am Ende wieder in den Arm zu nehmen. Ich vermisse Alles an dir!

Ich vermisse dich!

Ich habe dich lieb!

Dein Nick

Trauerbegleitung in Gelsenkirchen

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nar fdt, dpa, Nicolas Armer

Nick besucht das Lavia-Trauerinstitut von Mechthild Schroeter-Rupieper. Hier sprechen Angehörige von Verstorbenen über ihre Erfahrungen, ihre Trauer und ganz häufig auch einfach über normale Dinge. Nick wollte eigentlich gar nicht herkommen, er tut es trotzdem. Für seine Mutter, die wollte das so. Inzwischen aber weiß er, dass er hier und auch sonst über all das sprechen kann, was ihn beschäftigt.

Bewusst an die Öffentlichkeit

Nick hat sich ganz bewusst dafür entschieden, seinen Brief zu veröffentlichen. Er weiß, dass andere ihn hier möglicherweise erkennen können. Deshalb aber den Namen verändern? „Nö, warum?“ Es können ruhig alle wissen, wie sehr er seinen Vater liebt und auch dass er ihn vermisst. Das ist okay so. Das ist ja schließlich auch nichts, wofür man sich schämen müsste.