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Ehemaliger Bundespräsident Joachim Gauck am Jahrestag der Deutschen Einheit

Jahrestag der Deutschen Einheit

Gauck: "Friedliche Revolution 1989 muss ins kollektive Bewusstsein der Nation"

Gauck: "Vor der Einheit kam die Freiheit" Tag der Deutschen Einheit
22:15 min
Tag der Deutschen Einheit
Gauck: "Vor der Einheit kam die Freiheit"

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"Vor der Einheit kam die Freiheit"

Zum 29. Jahrestag der Deutschen Einheit hat der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck auf die Bedeutung der friedlichen Revolution in der DDR verwiesen. "29 Jahre deutsche Einheit, aber 30 Jahre Demokratie", sagte Gauck der Redaktion von RTL und n-tv. "Das ist mir immer wichtig, dass die Menschen in Deutschland begreifen: Vor der Einheit kam die Freiheit." Das ganze Interview mit Gauck - im Video.

"Kein Mauerfall, ohne dass in Sachsen die Menschen aufgestanden wären"

"Wir wollen keine Gewalt! Wir wollen Veränderungen!" ist auf einem Transparent zu lesen, das Demonstranten bei der Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 in Leipzig mit sich führen. Fast 100.000 Menschen nahmen an dem Protestmarsch teil.
"Wir wollen keine Gewalt! Wir wollen Veränderungen!" ist auf einem Transparent zu lesen, das Demonstranten bei der Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 in Leipzig mit sich führen. Fast 100.000 Menschen nahmen an dem Protestmarsch teil.
dpa, B1861 Lehtikuva Oy

Die Deutschen hätten nicht so eine tolle Freiheitsgeschichte, so Gauck weiter. "Wenn 1989 eine wirkliche Umwälzung, eine friedliche Freiheitsrevolution stattgefunden hat, dann muss das auch ins kollektive Bewusstsein der Nation." Die Deutschen sollten sich klarmachen: "Kein Mauerfall, ohne dass in Sachsen die Menschen aufgestanden wären und in Massen auf der Straße waren - 'Wir sind das Volk'", sagte der 79-Jährige, der von 2012 bis 2017 das deutsche Staatsoberhaupt war. "Und deshalb möchte ich, dass wir nicht nur die Bildikone 9. November vor Augen haben, sondern auch diesen Freiheitskampf."

Einen Monat vor dem Mauerfall am 9. November hatte es am 9. Oktober in Leipzig eine Großdemonstration gegeben. Ein Großaufgebot an Sicherheitskräften der DDR stand bereit, griff letztlich aber nicht ein.

Deutschland hat "unglaublich viel erreicht"

ARCHIV - Mit wehenden Deutschlandfahnen haben sich in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990 Menschen vor dem Brandenburger Tor in Berlin versammelt. Mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober 1990 sind die Deutschen 45 J
Mit wehenden Deutschland-Fahnen haben sich in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990 Menschen vor dem Brandenburger Tor in Berlin versammelt, um den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober 1990 zu feiern.
dpa, Wolfgang Kumm

Gleichzeitig kritisierte Gauck die pessimistische Einstellung vieler Menschen heutzutage: "Die Deutschen mögen sich einfach immer ein bisschen bedrückt und schlecht fühlen, dann sind sie gesund." Dabei habe das Land "unglaublich viel erreicht". Nach dem tiefen Fall der Nazi-Diktatur und den Jahren der kommunistischen Unterdrückung sei Deutschland nun 30 Jahre vereint in Frieden und Freiheit.

Er selbst hätte nicht gedacht, dass er ein vereintes Deutschland noch erleben werde, so Gauck. Ihm sei aber klar gewesen, dass seine Kinder das einmal erleben würden. "So viel Ineffizienz in der Wirtschaft und so viel Lüge in der Politik - da habe ich gedacht: Das dauert nicht ewig", sagte er über die DDR.

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"Ost und West ist auch ein Problem"

10.09.2019, Berlin: An der Stelle, wo zu DDR-Zeiten die Berliner Mauer stand, sind vor dem Brandenburger Tor Pflastersteine, die an die Mauerzeiten errinern. Wer mit dem Fahrrad durch Berlin fährt, spürt an einem kleinen Holpern, dass die Stadt 28 Ja
An der Stelle, wo zu DDR-Zeiten die Berliner Mauer stand, sind vor dem Brandenburger Tor Pflastersteine, die an die Mauerzeiten errinern.
cgt htf fux, dpa, Christophe Gateau

Nach der Meinung Gaucks "leben wir in den besten Zeiten, die Deutschland jemals in seiner Geschichte gehabt hat". Auf der anderen Seite hätten die Deutschen Sorgen: "Berechtigte Sorgen, wenn wir ans Klima denken, aber auch Sorgen um den gesellschaftlichen Ausgleich, um das tolerante Umgehen miteinander. Und Ost und West ist auch ein Problem."

Er selbst empfinde aber häufig den Widerspruch zwischen Ossi und Ossi größer als zwischen Ossi und Wessi. "Die Menschen, die damals für die Freiheit gekämpft haben und auf die Straße gegangen sind, die haben dafür gesorgt, dass eine ganz andere Gruppe der Gesellschaft von ihren Schlüsselpositionen wegkam." Riesige Apparate der DDR - Stasi, Polizei, Armee, Partei, Staat - hätten ihre Bedeutung verloren.

"Einige von denen haben das bis heute nicht richtig verarbeitet. Zuerst haben sie die Linkspartei aus Protest gewählt, jetzt wählen sie die Rechten aus Protest, als wären sie noch nicht richtig angekommen." Die jüngere Generation habe dagegen ein völlig anderes Lebenskonzept, "die freuen sich über die Freiheit, über die offene Gesellschaft. Und deshalb reibt sich im Osten das Ganze manchmal stärker untereinander als zwischen Ost und West", so Gauck.