"EHEC-Erreger weltweit auf dem Vormarsch"

27. Juli 2011 - 11:45 Uhr

Warnung vor Folgeschäden

Keine Spur von Entwarnung: Die Zahl der an EHEC erkrankten Menschen in Schleswig-Holstein nimmt weiter zu. Bislang meldete das Kieler Gesundheitsministerium 795 bestätigte EHEC-Infektionen und 188 bestätigte Fälle der schweren Komplikation HUS. Das sind 30 EHEC- und drei HUS-Fälle mehr als noch am Freitag. Bei HUS, dem hämolytisch-urämischen Syndrom, können unter anderem die Nieren versagen.

Viele EHEC-Kranke werden lebenslang unter den Folgen der Epidemie leiden. "Etwa 100 Patienten sind so stark nierengeschädigt, dass sie ein Spenderorgan brauchen oder lebenslang zur Dauerdialyse müssen", sagte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach der 'Bild am Sonntag'. Ärzte hatten zudem über schwere neurologische Schäden berichtet. Am Samstag machten Behörden zweifelsfrei Sprossen aus einem Biohof im niedersächsischen Bienenbüttel als EHEC-Infektionsquelle aus.

Im EHEC-Puzzle fehlen jedoch noch Teile. Wie der Keim in den Betrieb kam, ist beispielsweise offen. Der nordrhein-westfälische Verbraucherschutzminister Johannes Remmel (Grüne) sagte dem WDR, die Lieferkette vom Biohof zu den Erkrankten in NRW sei bislang unklar. Mit Hochdruck versuchen die EHEC-Fahnder den Ursprungsort zu ermitteln. Er könne im Saatgut enthalten gewesen oder von Mitarbeitern eingeschleppt worden sein.

Der Darmkeim tötete weltweit inzwischen 35 Menschen, wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mitteilte. Darunter seien 34 Todesfälle in Deutschland und einer in Schweden. WHO-Expertin Zsuzsanna Jakab betonte, es sei der heftigste jemals in der Region Europa registrierte EHEC-Ausbruch.

Lauterbach warnt vor weiteren Infektionswellen in Deutschland: "EHEC-Erreger sind weltweit auf dem Vormarsch. Auch in Deutschland wird es künftig immer wieder zu EHEC-Ausbrüchen kommen."

Mangelhaftes Meldeverfahren

Das Robert Koch-Institut (RKI) bemängelte unterdessen das Meldewesen bei Epidemien wie EHEC. Nach Ansicht des Institutes könne die Bekanntgabe von EHEC-Fällen verbessert werden. "Das soll ja auch auf der politischen Ebene überprüft werden", sagte RKI-Sprecher Günther Dettweiler der Nachrichtenagentur dpa. Man müsse darüber sprechen, sobald die Krise vorbei ist. Er räumte ein, dass Informationen auf elektronischem Wege den Empfänger schneller erreichen könnten. Die bisherige Meldekette verlaufe per Post vom Gesundheitsamt vor Ort über das Landesgesundheitsamt an das RKI. Insgesamt gebe es aber "keinen Anlass, sich zu beschweren. Das hat gut funktioniert."

Als Reaktion auf die EHEC-Welle forderte auch Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) technische Verbesserungen im Meldeverfahren. Bahr sagte dem Blatt: "Nach Abklingen des EHEC-Ausbruchs werden Länder und Bund gemeinsam die Arbeit bewerten. Mir ist dabei der Informationsfluss zwischen den Beteiligten besonders wichtig. Das Meldeverfahren gehört auf die Tagesordnung." Forderungen nach einer zentralen Stelle zur Seuchenbekämpfung erteilte der FDP-Politiker erneut eine Absage.