Ecclestones F1: Bezahl oder stirb!

Der königliche Park in Monza mit seinen langen Geraden hat als Formel-1-Kurs womöglich bald ausgedient.
Der königliche Park in Monza mit seinen langen Geraden hat als Formel-1-Kurs womöglich bald ausgedient.
© Getty Images, Bongarts

27. Januar 2015 - 9:24 Uhr

Ein Kommentar von Martin Armbruster

Die Formel 1 hat ein Problem: Unabhängig davon, dass die Strippenzieher der 'Königsklasse' ihr eigenes Produkt mit wöchentlich wechselnder Kritik an Regeln, Motorensound und Pferdestärken selbst zerreden, droht der PS-Zirkus, seine Seele zu verkaufen.

Shanghai, Singapur, Sotschi, Abu Dhabi, Bahrain, womöglich bald Katar: Die Formel 1 verkehrt zunehmend dort, wo Geld keine Rolle spielt. Bei Autokraten und Scheichs, die sich um Dollar und Euro nicht zu scheren brauchen und damit gegenüber den Streckenbetreibern in Europa einen unerhörten Wettbewerbsvorteil genießen. Europas Pisten dagegen drohen in der von F1-Boss Bernie Ecclestone gnadenlos betriebenen Hechelei nach dem Geld auf der Strecke zu bleiben.

"Die komplette Formel 1 muss sich vor dem Hintergrund, dass sich wirtschaftliche Rahmenbedingungen geändert haben, neu erfinden", fordert Pietro Benvenuti: "Sonst gehen historische Strecken, die zum Mythos des Sports beigetragen haben, verloren." Ohne eine potente Regierung oder "vermögende Sponsoren" sei es derzeit unmöglich, ein F1-Rennen auf die Beine zu stellen, so der Chef der Traditionsstecke in Imola. Der Italiener weiß, wovon er redet. Trotz seines einladenden Nachnamens findet seit 2006 auf dem legendären 'Autodromo Enzo e Dino Ferrari' unweit von Bologna kein Grand Prix mehr statt. Die Formel 1 war für Imola schlichtweg unbezahlbar geworden.

Andere Traditionsbahnen hatte es schon viel früher erwischt: Estoril (Portugal), Jerez (Spanien), Donington (Großbritannien), Zandvoort (Holland) – sie alle konnten im monetären Wettrennen nicht mehr Schritt halten. Auch der GP von Österreich war jahrelang aus dem Rennkalender verschwunden. Erst als Dietrich Mateschitz' Red-Bull-Imperium die Strecke in Spielberg übernahm, wurde der Alpenkurs wieder salon-, weil zahlungsfähig.

Deutschland, England und Italien stehen zur Disposition

Weniger gut ist es um die Zahlungsfähigkeit am Nürburgring bestellt. Vergangene Woche drohte Ecclestone damit, das Rennen in der Eifel zu streichen und an den Hockenheimring zu vergeben. Auch eine Saison ganz ohne Deutschland-GP sei ohne Weiteres denkbar, betonte der F1-Zampano. Wahrscheinlich spielt der Nürburgring im Abgesang der großen Traditionsstrecken nur die erste, traurige Note.

Silverstone und Monza könnten die nächsten Opfer sein. Eine Formel 1 ohne England-GP, ohne die langen Geraden im königlichen Park zu Monza – lange Zeit schien das undenkbar. Jetzt stehen diese Monumente des Motorsports zur Disposition. "Italien kann seinen Grand Prix nicht verlieren, obwohl die Situation im Augenblick hart ist", macht Benvenuti seinen Kollegen in Monza Hoffnung. Wenn er sich da mal nicht zu sicher ist: Für die kühl kalkulierenden Geldeintreiber Ecclestones spielen Begriffe wie Mythos, Tradition und Legende keine Rolle. Für sie zählt einzig und allein der Profit. Wer sich dem Gelddiktat des 84-Jährigen nicht beugt, ist weg vom Fenster. Die Monza-Betreiber haben schon angekündigt, bei diesem irrwitzigen Spielchen nicht mehr mitzumachen und einen "Plan B" für eine F1-freie Zukunft Monzas angekündigt.

Die Formel 1 hat in den letzten Jahren expandiert, schön und gut. Der Rubel rollt wie nie zuvor. Allein: Die Attraktivität ist unter die Räder gekommen. Und das nicht nur wegen der für Fans und Laien kaum zu durchschauenden Regeln, sondern auch, weil der Rennserie ein Teil seiner Wurzeln abgeschnitten wurde. Dass viele F1-Fans ihrem Sport den Rücken kehren, wenn Autos mit der Laustärke eines Elektro-Rasenmähers auf irgendwelchen Retortenkursen in der Wüste herumdüsen, anstatt durch den königlichen Park in Monza zu brettern, ist wenig verwunderlich. Die Wiege der Formel 1 liegt nun einmal in Europa.