Durchbruch: EHEC an Sprossen nachgewiesen

27. Juli 2011 - 11:45 Uhr

Entwarnung für Gurken, Tomaten und Salat

Durchbruch bei der EHEC-Fahndung: Erstmals gibt es eine klare Spur vom Sprossen-Betrieb in Bienenbüttel zum Patienten. Freispruch für Gurken, Tomaten und Salat. Verbraucher, Politiker und Bauern sind erleichtert. Endgültige Sicherheit steht aber noch aus.

Auslöser der EHEC-Epidemie sind mit sehr großer Wahrscheinlichkeit die bereits verdächtigten Sprossen. An diesem Gemüse aus dem Biohof im niedersächsischen Bienenbüttel wurden erstmals Bakterien des aggressiven Typs O104 entdeckt, wie das nordrhein-westfälische Verbraucherschutzministerium am Freitag mitteilte. Der Darmkeim tötete mindestens 31 Menschen. Über 4.000 sind bundesweit an EHEC erkrankt oder stehen unter Infektionsverdacht.

Für Gurken, Tomaten und Salat gab es Entwarnung. Ein Rest an Unsicherheit bleibe aber, betonte Nordrhein-Westfalens Verbraucherschutzminister Johannes Remmel (Grüne). Denn die untersuchten Sprossen stammen aus einer geöffneten Packung.

Diese lag in einer Mülltonne in der Nähe von Bonn. Zwei der drei dort wohnenden Familienmitglieder hätten Sprossen gegessen und seien Mitte Mai an EHEC erkrankt. Damit sei erstmals eine ununterbrochene Kette zwischen infizierten Sprossen aus Bienenbüttel und erkrankten Personen nachgewiesen, teilte das Ministerium mit. Wie Remmel erläuterte, sind Mutter und Tochter der Familie aus Königswinter noch immer sehr schwer krank und können nicht befragt werden. Der Vater habe keine Sprossen gegessen und dann die nicht aufgebrauchte Packung den Behörden gebracht.

Bio-Hof in Bienenbüttel gesperrt

Der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Reinhard Burger, hatte am Vormittag in Berlin jüngste Ermittlungsergebnisse vorgestellt, die den Verdacht auf Sprossen bereits erhärteten.

Anderes Gemüse könne wieder ohne Bedenken gegessen werden, sagte Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Vor dem Verzehr roher Salatgurken, Tomaten und Blattsalate insbesondere in Norddeutschland hatten RKI und BfR am 25. Mai gewarnt. Grundlage dafür waren Patientenbefragungen.

Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) gab sich zurückhaltend: Zahlreiche Analysen stünden noch aus, viele Spuren müssten noch zurückverfolgt werden. Unklar sei etwa, wie die Bakterien auf die Sprossen kamen.Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) betonte nach der Beschränkung auf Sprossen, für die Bürger sei jetzt klarer, wie sie sich schützen könnten.

EHEC-Entwarnung könne noch nicht gegeben werden, erklärte Bahr. Die Zahl der Neuerkrankungen sei aber deutlich rückläufig. Die Lage in vielen Krankenhäusern normalisiere sich sicherlich wieder. RKI-Chef Burger schränkte ein: "Der Ausbruch ist noch nicht vorbei."

Der Hof in Bienenbüttel im Kreis Uelzen, der seit vergangenem Sonntag im Fokus der Öffentlichkeit steht, ist inzwischen komplett gesperrt und darf kein Gemüse mehr in den Handel liefern. Bisher galt das Verkaufsverbot nur für Sprossen. Der Betrieb sei nun definitiv als Hauptauslöser für die Erkrankungswelle ausgemacht worden, sagte Niedersachsens Landwirtschaftsminister Gert Lindemann (CDU).

Im Fall einer Kasseler Cateringfirma verfolgen die Behörden eine neue Spur. "Es besteht die Möglichkeit, dass sich Mitarbeiter zunächst selbst infiziert und danach den Keim wieder auf Lebensmittel übertragen haben", sagte Markus Schimmelpfennig vom Gesundheitsamt der Stadt. Die Firma hatte eine Familienfeier im Landkreis Göttingen beliefert. Fünf der rund 70 Gäste mussten laut niedersächsischem Gesundheitsministerium im Krankenhaus behandelt werden. Die Catering-Firma habe keine Sprossen ausgeliefert.

Die Entwarnung für Gurken und Co platzte mitten in eine Aktion von Gemüsebauern und Händlern in Hamburg. Sie verschenkten in der Innenstadt tonnenweise Gemüse, um auf ihre drastischen Einbußen wegen der EHEC-Epidemie aufmerksam zu machen. Mitorganisator Jens Elvers berichtete anschließend: "Das hat sich so doll verbreitet, dass die Leute uns das Gemüse dann tütenweise aus der Hand gerissen haben."