„Wieder einmal wird an unserem Unglück verdient"

Duisburger Theater plant Stück über Loveparade-Katastrophe - Betroffene sind entsetzt

13. November 2019 - 14:34 Uhr

2020 jährt sich das Loveparade-Unglück zum zehnten Mal

Duisburg, Juli 2010: 21 Menschen kommen bei der Loveparade-Katastrophe ums Leben, Hunderte weitere werden verletzt. Zum zehnjährigen Gedenken will das Duisburger Theater KOM'MA ein Stück über die Katastrophe auf die Bühne bringen. Hinterbliebene und Überlebende des Unglücks kritisieren diese Pläne jetzt aufs Schärfste. Für viele trägt die Stadt nämlich Mitverantwortung an dem Unglück - und das Theater bekommt städtische Fördermittel.

„Unmoralisch, aus dem schlimmsten Tag der Betroffenen ein Theaterstück zu kreieren"

Thorolf Schmidt, Überlebender
Thorolf Schmidt, Vorsitzender des Hinterbliebenen-Vereins "LOPA 2010 e.V.", kritisiert das Vorhaben des Theaters.
© RTL

Der Verein LOPA 2010 e.V., der von Opfern und Hinterbliebenen der Katastrophe gegründet wurde, wirft dem Theater und der Stadt vor, sich mit dem Stück an dem Unglück bereichern zu wollen. "Es ist unmoralisch, aus dem schlimmsten Tag der Betroffenen und Hinterbliebenen ein Theaterstück zu kreieren, das von den Mitverantwortlichen finanziert wird, ohne dass die Möglichkeit einer adäquaten Aufarbeitung gegeben ist", heißt es in einem Schreiben von Thorolf Schmidt, Vorstandsvorsitzender des Vereins. "Wieder einmal wird an unserem Unglück verdient und in die eigene Tasche gewirtschaftet." Was er beim Gedanken an das Theaterstück empfindet, erzählt Thorolf Schmidt in unserem Video.

Theaterstück soll Katastrophe selbst nicht zeigen

Das KOM'MA-Theater schreibt auf seiner Facebook-Seite, dass man sich der Sensibilität des Themas bewusst sei. Nachstellen wolle man das Unglück nicht. "Es ist unstrittig, dass die Katastrophe selbst nicht abgebildet werden darf", heißt es in dem Statement. Deshalb solle in dem Stück die Frage beleuchtet werden, wie es im Vorfeld dazu habe kommen können und wie im Nachhinein damit umgegangen worden sei.

Unter dem Posting des Theaters findet sich viel Kritik an dem Vorhaben. Ein Stück aus der Katastrophe zu machen, sei pietätlos, schreibt eine Userin, ein anderer kritisiert es als "geschmacklos".

Theaterchefin Renate Frisch sagte der "Rheinischen Post", dass das Duisburger Theater sich in der Pflicht sehe, sich mit der Loveparade zu beschäftigen. Man arbeite deshalb auch mit einem Verein zusammen, der den Opfern nahe stehe. Welcher Verein das ist, ist unklar.

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Stadt Duisburg: Stück wird gar nicht finanziell unterstützt

Dass das Stück konkret von der Stadt finanziell unterstützt würde, stimme so nicht, teilt die Stadt Duisburg auf RTL-Anfrage mit. Derzeit sei eine Förderung des Stückes aus städtischen Mitteln nicht vorgesehen. Unabhängig davon werde aber sowohl das Haus, als auch die Theatergruppe finanziell gefördert. Inhaltlich gebe es für das Stück seitens der Stadt keine Vorgaben. "Die Kunstfreiheit ist ein Grundrecht, das dem Schutz künstlerischer Ausdrucksfreiheit dient. […] Auch vor diesem Hintergrund dürfte eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Loveparade kein Tabuthema für eine städtische Unterstützung sein", heißt es in der Stellungnahme der Stadt.

Opfer und Hinterbliebene fühlen sich seit Jahren alleingelassen

ARCHIV - Kreuze stehen am 28.12.2013 in Duisburg (Nordrhein-Westfalen) an der Gedenkstätte für die Opfer der Loveparade. Foto: Martin Gerten/dpa (zu dpa "Eröffnung von Schmerzensgeldprozessen zur Loveparade in Sicht" vom 05.06.2015) +++(c) dpa - Bild
Bei der Loveparade-Katastrophe waren im Juli 2010 21 Menschen gestorben.
© dpa, Martin Gerten

Die Hinterbliebenen fühlen sich seit Jahren von den Verantwortlichen und der Politik finanziell und emotional alleingelassen. "Die Folgen des Ereignisses konnten bis heute nicht beseitigt werden – auch nicht die Materiellen", schreibt Thorolf Schmidt in seinem Brief. Erst wenn dieses Leid beendet sei, könne man kulturell eine solche Aufarbeitung wie das Theaterstück akzeptieren.

Loveparade-Mammut-Prozess läuft noch

Bis heute konnten die Fragen von Schuld und Verantwortung für die Katastrophe nicht abschließend vor Gericht geklärt werden. Das Strafverfahren gegen mehrere Mitarbeiter der Stadt und des Veranstalters wurde bereits eingestellt, gegen drei weitere Mitarbeiter des Veranstalters läuft es noch. Die Taten verjähren allerdings Ende Juli 2020 – mit einem Urteil wird vorher nicht mehr gerechnet.