Nach seiner "Idioten"-Aussage

Dresden-Profi Chris Löwe legt nach: "Habe das Gefühl, dass uns etwas geklaut wurde"

19. Juni 2020 - 20:43 Uhr

Dresden lässt seinen Frust raus

Weil der Abstieg fast perfekt ist, schlucken Spieler und Verantwortliche von Dynamo Dresden den Frust über den ungerechten Spielplan nicht länger herunter. Allen voran Profi Chris Löwe. Geschäftsführer Michael Born will "alle juristischen Möglichkeiten ausschöpfen".

Sieben Spiele innerhalb von 19 Tagen

Chris Löwe kratzte sich kurz am Hinterkopf, dann brach es aus ihm heraus. Der enorme Stress der vergangenen Wochen, die Trauer über den praktisch besiegelten Abstieg, die Wut auf die Funktionäre - all das entlud sich beim Abwehrspieler von Dynamo Dresden in einem hochemotionalen TV-Interview am Donnerstagabend.

Löwe kämpfte verzweifelt mit den Tränen, seine Stimme überschlug sich, und in seinen teils derben Worten versteckte sich folgende Anklage: Die Deutsche Fußball Liga (DFL) hat Dynamo Dresden dem Re-Start geopfert. "Wir sind am Ende die, die den verf***ten Preis bezahlen für den ganzen Scheiß!", schimpfte der 31-Jährige unmittelbar nach der 0:2-Niederlage bei Holstein Kiel ins Sky-Mikrofon.

Dresden musste binnen 19 Tagen sieben Spiele bestreiten, weil die Mannschaft kurz vor der Wiederaufnahme des Spielbetriebs wegen positiver Coronatests in eine zweiwöchige Quarantäne geschickt worden war. Da die DFL die Saison - aus wirtschaftlichen Gründen nachvollziehbar - unbedingt bis Ende Juni beenden will, musste Dynamo zuerst einen Kaltstart und dann ein Mammutprogramm absolvieren. 

"Das ist denen alles scheißegal"

"Glauben Sie ehrlich, dass einer von denen in der DFL, Christian Seifert oder wer auch immer, sich eine einzige Sekunde Gedanken macht, was bei uns in unseren Köpfen vorgeht? Das ist denen alles scheißegal!", echauffierte sich Löwe: "Die Leute sitzen in ihren 5000 Euro teuren Bürostühlen und entscheiden etwas über unsere Köpfe hinweg. Und wir sind am Ende die Idioten, die das Ganze ausbaden."

Der gebürtige Sachse vermutet, dass dem Traditionsklub aus dem Osten die Lobby fehlt. Er fragte: "Wäre dasselbe mit Bayern München oder Dortmund passiert? Oder nur mit uns?" Eine Strafe muss Löwe nicht befürchten: Der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) wird kein Verfahren einleiten.

Am Tag danach erklärte Löwe seinen Ausbruch noch einmal mit etwas Abstand, aber nicht weniger wütend. "Was mich so aufgewühlt hat: Wenn du am Ende in einem fairen Wettbewerb absteigst, dann musst du dir am Ende selbst an die Nase fassen, weil es einfach nicht gereicht hat. Jetzt aber habe ich das Gefühl - und ich spreche für den ganzen Verein -, dass uns etwas geklaut wurde", sagte er Sport1.

Trainer Kauczinski stellt sich vor seinen Spieler

Dynamo solidarisierte sich derweil mit seinem Profi. Der kaufmännische Geschäftsführer Michael Born sprach gegenüber dem MDR von Wettbewerbsverzerrung und kündigte an: "Das bedeutet auch, dass wir alle juristischen Möglichkeiten im Sinne von Dynamo Dresden ausschöpfen werden, um gegen diese Ungerechtigkeit vorzugehen, wenn wir damit Aussicht auf Erfolg haben." Trainer Markus Kauczinski nahm Löwe am Freitag in Schutz: "Er hat das gesagt, was wir alle in unseren Herzen und Köpfen haben."

Auf seinen sozialen Netzwerkseiten postete der Klub ein Bild von Löwe mit Dynamo-Fanschal in der Hand, dazu den Hashtag: "NoMoreWordsNeeded" - es bedarf keiner weiteren Worte. Auch Klub-Ikone Hans-Jürgen "Dixie" Dörner leistete moralische Unterstützung. "Ich kann den Jungen absolut verstehen und teile seine Aussagen", sagte Dynamos Aufsichtsrats-Mitglied dem SID.

Das Video von Löwes TV-Interview wurde im Internet tausendfach angeschaut, geteilt und kommentiert. Die meisten User zeigten Verständnis für den emotionalen Ausbruch, viele gaben dem Profi im Kern recht.

Doch das hilft Löwe und seinen Teamkollegen wenig. Sportlich geriet das schon vor Corona anspruchsvolle Ziel Klassenerhalt zu einer Mission Impossible. Seit dem Restart holte Dynamo nur vier von 21 möglichen Punkten. Fünf Zähler Rückstand auf den Relegationsrang und die deutlich schlechtere Tordifferenz sind bei zwei noch ausstehenden Spielen nur noch theoretisch aufzuholen.

RTL.de/SID