Niederlande: Polizei befreit sechs Menschen aus verstecktem Raum

Bauernhof-Krimi in Drenthe: Was wir wissen – und was nicht

Drenthe, Niederlande: Familie soll jahrelang im Keller gehaust haben
© dpa, Wilbert Bijzitter, stephan hen bsc

16. Oktober 2019 - 18:26 Uhr

Niederlande: Familie lebte neun Jahre lang isoliert auf Bauernhof

Der Fall schockiert über die Grenzen der Niederlande hinaus: Am Dienstagnachmittag haben Polizisten auf einem abgelegenen Bauernhof im Dorf Ruinerwold in der Provinz Drenthe eine Familie entdeckt, die dort fast ein Jahrzehnt lang in einem isolierten Versteck gehaust haben soll.

Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren. Eine 25-köpfige Sondergruppe untersuche den Fall, teilte die Polizei Drenthe am Mittwochmorgen mit. Die Spurensicherung ist mit Spürhunden und Infrarot-Spezialkameras vor Ort, um Wände und Erdreich zu untersuchen. Noch sind viele Fragen offen. Was wir bislang wissen und was nicht, haben wir hier für Sie zusammengefasst.

Familien-Drama in Drenthe: Was ist passiert?

Offenbar abgeschnitten von der Außenwelt haben fünf jetzt erwachsene Kinder, alle angeblich im Alter zwischen 18 und 25 Jahren, sowie ihr Vater gut neun Jahre lang auf einem Bauernhof in den Niederlanden gehaust – in einem "abschließbaren kleinen Raum", so die Polizei in Drenthe.

Berichte, dass die Familie in einem Kellerraum gelebt habe, seien nicht zutreffend, so die Beamten. Die Menschen würden nun versorgt. Zur Mutter der Familie, die sich nicht in dem Raum befand und Medienberichten zufolge schon vor einigen Jahren gestorben sein soll, machte die Polizei zunächst keine Angaben. Niederländische Medien berichten, der Vater sei bettlägerig.

Die Räume, in denen die Gruppe lebte, seien "sehr provisorisch" gewesen, sagte der Gemeindebürgermeister Roger de Groot. Etwas Vergleichbares habe er noch nie gesehen. Niemand habe etwas geahnt. "Anscheinend können die Leute einfach unter dem Radar bleiben", so de Groot.

Was hat es mit der Festnahme auf sich?

Polizisten gehen auf Spurensuche zu dem abgelegenen Hof, wo eine Familie seit 2010 gehaust haben soll.
Polizisten gehen auf Spurensuche zu dem abgelegenen Hof, wo eine Familie seit 2010 gehaust haben soll.
© dpa, Vincent Jannink, mka bsc

Die Polizei hat im Zusammenhang mit dem Fall einen 58-jährigen Österreicher, Josef B., festgenommen. Er ist gebürtiger Wiener. Der Sprecher des österreichischen Außenministeriums bestätigte am Dienstagabend entsprechende Berichte niederländischer Medien unter Berufung auf die örtlichen Behörden.

Der Mann sei festgenommen worden, "weil er nicht an unserer Untersuchung mitarbeitete", sich unkooperativ gezeigt habe. Das sagte eine Sprecherin der Polizei in Drenthe. Der 58-Jährige wird laut niederländischen Behörden am Donnerstag dem Haftrichter vorgeführt.

Laut Polizei-Informationen war Josef B. Mieter des Bauernhofes und soll dort regelmäßig Reparaturen ausgeführt haben. Er soll selbst nicht auf dem Bauernhof gewohnt haben. Die "Krone"-Zeitung berichtet, Josef B. sei ein Handwerker aus Oberösterreich und 2010 in die Niederlande ausgewandert. In welcher Beziehung er zur Familie steht, die dort hauste, ist noch unklar. Das Einwohnermeldeamt wusste offenbar nichts von der Gruppe.

Warum lebte die Familie auf dem Hof?

Das konnte die Polizei am Mittwochmorgen noch nicht sagen. Ob die Menschen dort freiwillig wohnten oder von Josef B. gezwungen wurden, ist unklar. Berichte niederländischer Medien, Vater und Kinder hätten auf das "Ende der Zeiten" gewartet oder seien Mitglieder einer Sekte gewesen, wollten die Beamten zunächst nicht kommentieren. "Alle Szenarien sind noch offen", so die Polizei.​

Wie kam der Fall ans Licht?

Die Polizei wurde am Montag auf die Familie aufmerksam, nachdem der älteste Sohn der Familie, ein mittlerweile 25-jähriger Mann, in einer Dorfkneipe um Hilfe gebeten hatte. Er sei in den vergangenen Tagen schon zwei, drei Mal dort aufgetaucht, berichtete der Kneipenwirt. Weil der 25-Jährige einen verwirrten und ungepflegten Eindruck machte, hielt ihn das Personal zunächst für einen Obdachlosen.

Eine Kellnerin erzählte RTL, er habe 50 Euro in der Tasche gehabt, fünf Bier und eine Schale Chips bestellt und die Kneipenbesucher "angestarrt wie Außerirdische". Als der 25-Jährige dann behauptete, er sei von einem Bauernhof fortgelaufen, jahrelang nicht draußen gewesen und brauche Hilfe, schaltete der Wirt die Polizei ein.

Daraufhin fuhren die Beamten mit dem 25-jährigen zum abgelegenen Grundstück. Dort entdeckten sie in dem versteckten Raum den Rest der Familie – angeblich hinter einem Schrank im Wohnzimmer, wie verschiedene Medien berichten. Über die genauen Lebensumstände und den Gesundheitszustand der Gruppe machte die Polizei vorerst keine Angaben.

Warum fiel jahrelang niemandem etwas auf?

Der Hof liegt abgelegen mitten in einem Feld, eingezäunt, versteckt hinter Bäumen und etwa 200 Meter entfernt vom Rand des Dorfes. Das Grundstück ist nicht einsehbar. Sogar der Briefkasten liegt mehrere Hundert Meter weit vom Haus entfernt.

Die Bewohner von Ruinerwold sind schockiert. Der Bauernhof galt als verlassen. Reportern erzählten Bewohner, sie hätten in der Nähe immer nur einen Mann gesehen – den 58-jährigen Österreicher. Einem niederländischen Fernsehsender zufolge soll er dort eine Ziege und Gänse gehalten sowie Gemüse gepflanzt haben. Von weiteren Personen hätten die Dorfbewohner nichts gewusst. Möglicherweise hat sich die Familie jahrelang selbst versorgt.