Drei Tage nach Lawinen-Unglück in Italien: Edoardo (9) aus verschüttetem Hotel gerettet

23. Januar 2017 - 14:52 Uhr

"Sie waren in großen Hohlräumen gefangen"

Feuerwehrleute ziehen Edoardo aus den Schneemassen und Trümmern des verschütteten Hotels in Italien. Der Neunjährige ist bei Bewusstsein und ansprechbar. "Wieviele wart ihr da unten?", fragen die Retter. "Drei. Die anderen waren in einem anderen Zimmer. Sie wollten dort Billard spielen", sagt Edoardo mit schwacher Stimme. Er ist einer von fünf Verschütteten, die am Abend zuvor zwar geortet, aber noch nicht befreit werden konnten. Dass Edoardo lebt, ist ein neuer Hoffnungsschimmer für alle, die noch nichts von ihren Liebsten gehört haben.

Rettungskräfte arbeiten an dem Hotel Rigopiano, dass von einer Lawine verschüttet wurde.
Nach dem Lawinenunglück in Italien
© dpa, -, DC wok

Edoardo Di Carlo wird sofort ins Krankenhaus nach Pescara geflogen, wo auch einige der anderen Geretteten behandelt werden. Von seinen Eltern gibt es bisher kein Lebenszeichen. Ein Helfer beschreibt, wie der Junge überhaupt unter den fünf Meter hohen Schneemassen überleben konnte: "Sie waren in großen Hohlräumen gefangen und haben sich organisiert. Sie haben ein kleines Feuer gemacht, um sich zu wärmen. Einige Überlebende fanden wir nahe der Küche, wo sie sogar was zu essen hatten", sagt Walter Milan von der italienischen Alpenrettung.

Neben Eduardo gelang es den Rettern am Samstag, noch zwei weitere Hotelgäste zu befreien. Am Freitagabend waren bereits vier Kinder und eine Frau ins Freie gebracht worden, die mehr als 40 Stunden in dem zerstörten Gebäude unter Schneemassen ausgeharrt hatten. Insgesamt haben mindestens zwölf Menschen das Unglück vom Mittwoch überlebt.

Allerdings werden noch immer 20 Menschen vermisst. Vor dem Krankenhaus harren verzweifelte Angehörige aus, die auf die erlösende Nachricht warten. "Sie sagten mir, er sei gerettet worden, aber er ist immer noch nicht hier", erzählt ein Vater, der um das Schicksal seines Sohnes bangt. Die Rettungskräfte arbeiten Tag und Nacht, um auch sie lebend zu finden. "Es gibt Anzeichen, die uns hoffen lassen, dass es dort noch weitere Überlebende gibt. Es ist nicht sicher, aber wir werden alles versuchen", sagt Mario Mazzocca vom Zivilschutz Abbruzzen.

Alle hoffen, dass es keine weiteren Erdstöße gibt

Die Lawine war am Tag einer schweren Erdbebenserie abgegangen, die die Region im Schneechaos traf. Zwei Leichen wurden aus dem Hotel Rigopiano in der Berggemeinde Farindola geborgen, in dem sich bis zu 35 Menschen aufgehalten haben sollen. Vier weitere Todesopfer waren an anderen Orten in der Region zu beklagen. 

Mittelitalien wird seit August immer wieder von starken Erdbeben heimgesucht. Das verheerende Beben vom 24. August 2016, bei dem um die Stadt Amatrice rund 300 Menschen ums Leben kamen, die Erdstöße vom 26. und 30. Oktober sowie die Beben vom Mittwoch hängen alle zusammen. Eine italienische Experten-Kommission ordnet sie einer einzigen seismischen Sequenz zu, wie der Zivilschutz mitteilte. Die Sequenz könnte weitergehen. Doch wann, mit welcher Stärke und ob tatsächlich weitere Beben kommen, vermag niemand zu sagen.

Ob die Lawine am Mittwoch von den vier Erdstößen, die alle eine Stärke von mehr als fünf hatten, ausgelöst wurde, war weiter unklar. Wegen des vielen Schnees sind Tausende Haushalte seit Tagen ohne Strom, einige Orte sind von der Außenwelt abgeschnitten. Allein am Freitag brachten Einsatzkräfte 120 Menschen in Sicherheit, wie die Feuerwehr auf Twitter mitteilte.