Drei Punkte, viele Fehler: Schalke weiter "stümperhaft"

Neuer Trainer, altes Leid: Der Last-Second-Sieg von Schalke gegen Sporting Lissabon hat einmal mehr die Probleme beim Revierclub offenbart. Auch unter Roberto Di Matteo fehlen hinten die Ordnung und vorne die spielerische Klasse. Obwohl eine Stunde in Überzahl, waren die 'Knappen' am Ende auf die gütige Mithilfe des Schiedsrichters angewiesen - ein Armutszeugnis für beide Seiten.

Roberto Di Matteo, FC Schalke 04
Jubelte am Ende wohl nur über das Ergebnis: Schalkes neuer Coach Roberto Di Matteo.
Bongarts/Getty Images, Bongarts

Nachdem Roberto Di Matteo am Dienstagabend kräftig durchgepustet hatte, dürfte dem neuen Schalker Coach bewusst geworden sein, auf was er sich da eingelassen hat. "Als Trainer wird man wahnsinnig, wenn man das analysieren muss", sagte der Italo-Schweizer nach dem Heimspiel gegen Sporting Lissabon. Seine Mannschaft hatte zwar mit 4:3 gewonnen, der Weg dahin war aber nicht nur holprig, sondern glich einem qualvollen Marsch mit Pleiten, Pech und Pannen.

Gerade eine Viertelstunde gespielt, da war die von Di Matteo geforderte Ordnung für die Schalker Abwehr mal wieder ein Fremdwort. Nach einer flach getretenen Ecke stand Nani völlig frei und murmelte die Kugel mit einem Schüsschen ins Tor (16.). Dass dem Bundesligisten schnell die Wende gelang, lag an der Dummheit der Portugiesen. Verteidiger Mauricio war so freundlich, sich in kurzer Zeit einen Platzverweis einzuhandeln, Gäste-Keeper Rui Patricio legte sich den Ball beim Kopfball von Chinedu Obasi selbst ins Netz (34.).

Als Schalke mit Schwung aus der Kabine kam und durch Klaas-Jan Huntelaar (50.) und Benedikt Höwedes (60.) die Weichen auf Sieg stellte, schien die Messe gelesen. "Wir haben teilweise sehr gut Fußball gespielt, haben das Spiel sehr gut kontrolliert", erklärte Di Matteo, dessen Mannschaft in der Folge in die bekannten Muster zurückfiel. Trotz nummerischer Überlegenheit fehlten die Mittel, um Sporting den Gnadenstoß zu geben. Schlimmer noch: Schalke agierte in der Defensive teils vogelwild. Vor dem Anschlusstreffer von Adrien Silva (64./FE) ging Kaan Ayhan zu rabiat zur Sache, beim 3:3 legte die komplette blau-weiße Hintermannschaft ein Schläfchen ein.

Heldt belustigt: "Da greift das System"

Eric Maxim Choupo-Moting, FC Schalke 04
Eric Maxim Choupo-Moting rettete den Schalkern in der Nachspielzeit drei Punkte.
imago/Schwörer Pressefoto, imago sportfotodienst

Kapitän Höwedes bezeichnete das Abwehrverhalten als "stümperhaft" - das bringt es auf den Punkt. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Schalker nicht nur individuelle Fehler leisten, sondern offenbar auch nicht in der Lage sind, ein Spielsystem umzusetzen. Von einer "stabilen Defensive", die Di Matteo der Mannschaft verinnerlichen will, war nichts zu sehen. "Wir brauchen ein bisschen Zeit, um die Mentalität und die Organisation zu verbessern", erkannte der Coach.

Wenn Di Matteo dieses Wunder vollbracht hat, kann er sich der nächsten Mammutaufgabe stellen: der lahmen Offensive Beine zu machen. Das Schalker Angriffsspiel ist zu lethargisch, das war unter dem gefeuerten Jens Keller so, das setzt sich auch unter Di Matteo fort. Wer gedacht hatte, dass mit dem neuen Trainer sofort die Wende kommt, sieht sich schon nach dem zweiten Spiel getäuscht. "Es hat mit Nachlässigkeit angefangen und mit Verunsicherung aufgehört", bilanzierte Manager Horst Heldt.

Dass es für die 'Königsblauen' dennoch zu drei Punkten reichte, war nicht etwa dem Aufbäumen zu verdanken, sondern dem Schiedsrichtergespann. Als ein Huntelaar-Kopfball im Gesicht von Jonathan Silva landete, wollte Referee Sergey Karasev weiterspielen lassen, entschied sich nach dem Zeichen seines Assistenten aber auf Handelfmeter. Der Irrsinn dabei: Eigentlich soll der Torrichter einen besseren Blick auf das Geschehen haben. Dem eingewechselten Eric Maxim Choupo-Moting war das herzlich egal, er schob in der Nachspielzeit eiskalt zum Endstand ein.

Und so kommt es, dass Schalke trotz einer teils schwachen Leistung Kurs auf das Champions-League-Achtelfinale nimmt und Manager Heldt sogar zum Scherzen aufgelegt ist: "Ich habe mich das eine oder andere Mal kritisch über die Auslegung mit dem Helfer an der Torauslinie geäußert. Dieses Mal muss ich sagen: eine super Idee von der UEFA, da greift das System!" Das Armutszeugnis der Referees sollte aber nicht über das Offensichtliche hinwegtäuschen: Wenn das System von Di Matteo nicht schleunigst greift, werden die Schalke-Fans weiter schwere Kost zu verdauen haben.

Daniel Grochow