Hilfe für Kinder aus Suchtfamilien

Drei bis vier Millionen Kinder in Deutschland leben bei psychisch- oder suchtkranken Eltern

10. Februar 2020 - 17:52 Uhr

Kinder aus Suchtfamilien sollen schneller Hilfe bekommen

In jeder deutschen Schulklasse sitzen statistisch gesehen vier Kinder, deren Eltern psychisch krank und/oder süchtig sind - die überwiegende Mehrheit nach Alkohol, aber auch nach Drogen oder Glücksspiel. Schätzungsweise jedes sechste Kind ist betroffen. Kinder aus Suchtfamilien oder von psychisch Kranken müssen früh Verantwortung für Geschwister übernehmen, Krisen aushalten oder sind ständig überfordert.

Betroffene erinnert sich an ihre Kindheit

Auch Claudine Danner aus Hamburg erinnert sich an ihren alkoholkranken Vater, der bis heute nicht von seiner Sucht losgekommen ist. In der Pubertät hat die 34jährige sehr gelitten: "Diese Ausbrüche von absoluter Wut, die du dann abgekriegt hast; ich habe sehr früh kapiert, dass Alkohol die Problematik ist, aber Unterstützung habe ich keine erfahren. Das Thema wurde totgeschwiegen." Die Beschimpfungen ihres Vaters beschreibt Claudine Danner im Video.

Arbeitsgruppe der Bunderegierung für Suchtfamilien

German Minister for Family Affairs, Senior Citizens, Women and Youth Franziska Giffey attends a session of lower house of parliament, Bundestag, in Berlin, Germany, January 30, 2020.  REUTERS/Annegret Hilse
Familienministerin plant bessere Hilfe für Kinder aus Suchtfamilien
© REUTERS, ANNEGRET HILSE, MMA/awi

Damit Kindern, aber auch den Eltern selbst besser und früher geholfen wird, will Bundesfamilienministerin Franziska Giffey einen neuen Rechtsanspruch auf sogenannte Alltagsunterstützung gewähren:´"Es soll leichter sein, Hilfe zu bekommen für eine Haushaltshilfe, für Kinderbetreuung. Die Familien sollen sich direkt an ein Familienberatungszentrum wenden können."

Bislang müssen Eltern dafür einen Antrag ans Jugendamt stellen. Aber auch die Kinder sollen sich selbst Hilfe holen können, auch ohne Zustimmung der Eltern, plant Franziska Giffey: "Künftig soll in jeder Notlage, in jeder Situation, wo ein Kind, ein junger Mensch Beratung braucht, diese auch möglich sein, ohne dass schon eine akute Notlage vorliegt. Und die Kinder und Jugendlichen sollen sich auch alleine an das Jugendamt wenden können, ohne dass die Eltern dazu ihr Einverständnis gegeben haben." Oft realisierten nämlich suchtkranke Eltern nicht, dass ihre Kinder Hilfe brauchen, denn diese hätten zu viel mit sich selber zu tun, so die Familienministerin. Mit diesen Maßnahmen folgt Giffey einer von ihr eingesetzten Expertenkommission aus dem Jahr 2017.

Niedrigschwellige Angebote für Kinder sind wichtig

Auch Claudine Danner weiß aus ihrer Jugend, wie wichtig niedrigschwellige Hilfsangebote für Kinder sind. Die ehemals Betroffene arbeitet heute selbst im Fachkräftenetzwerk "connect" in der Suchtprävention:

"Es ist wichtig, dass man dem Kind sagt: Du bist nicht allein hier, du bist nicht schuld, was für Probleme in der Familie herrschen. Du bist gut, so wie du bist, und wir stehen Dir bei. Du kannst zu uns kommen, mit uns reden, Hausaufgaben zu machen und die Unterstützung zu erhalten, die du zu Hause nicht hast."

Immer noch leidet Claudine Danner an mangelndem Selbstwertgefühl, ihr Vater habe ihr im Rausch oft vorgehalten, sie sei an seiner Sucht schuld. Heute verzeiht sie ihm, denn Schuld sei der Alkohol gewesen - und nicht ihr Vater.