Interview mit dem Klimaforscher Dr. Karsten Rinke

Ernteausfälle, ausgetrocknete Seen, Wasser-Konflikte: Wie uns Dürren beschäftigen werden

Dürremonitor Helmholtz Institut August 2022
Der Blick auf den Dürremonitor zeigt es deutlich: In vielen Teilen Deutschlands ist der Boden aktuell viel zu trocken. Links zu sehen ist die Situation des Gesamtbodens, mittig des Oberbodens von bis zu 25cm und rechts das pflanzenverfügbare Wasser. Quelle: UFZ-Dürremonitor/ Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung
UFZ-Dürremonitor/ Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung

von Letizia Vecchio

Erinnern Sie sich daran, wann es das letzte Mal so richtig geregnet hat? Nicht nur für ein paar Stunden, sondern für mehrere Tage oder Wochen? Nein? Kein Wunder, denn schon seit Wochen leben wir mit extremer Hitze, Sonne satt und so gut wie keinem Niederschlag. Auch wenn zwischendurch das ein oder andere Tröpfchen fiel, so reicht ein Blick auf die örtliche Flora und Fauna aus, um festzustellen, dass es diesen Sommer bisher viel zu trocken war.

Vielleicht fragen auch Sie sich, ob das alles so normal ist oder ob wir ganz im Gegenteil mit einer neuen Normalität leben müssen: Waldbrände, Ernteausfälle, ausgetrocknete Gewässer. Aber was ist hier überhaupt normal? Wie viel Niederschlag braucht es eigentlich, damit alles seinen natürlichen Gang gehen kann? Ab wann wird es gefährlich und wie sieht unsere „hydrologische Zukunft“ aus? Wetter.de hat beim Seenforscher Dr.Karsten Rinke vom Helmholtz-Institut für Umweltforschung nachgefragt.

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Die Winter sind zu feucht, die Sommer zu trocken

Rhein bei Düsseldorf, extremes Niedrigwasser, Rheinpegel bei 81 cm, Tendenz fallend, nach lange Dürre fällt das linke Rheinufer, bei Düsseldorf Oberkassel trocken, Rheinkniebrücke, Rheinturm, NRW, Deutschland, Rhein Niedrigwasser *** Rhine near Düsse
Wo früher mal Wasser war, sieht man jetzt nur vertrockneten Boden: Der Rhein bei Düsseldorf im Juli 2022
www.imago-images.de, IMAGO/Jochen Tack

Herr Dr. Rinke, viele Menschen machen sich Sorgen, weil es diesen Sommer gefühlt kaum noch regnet und es gleichzeitig ungewöhnlich heiß ist. Wie viel Fakten stecken hinter diesem Gefühl? Erleben wir gerade eine richtige Dürreperiode?

Karsten Rinke: „Tatsächlich ist es so, dass auf das Jahr verteilt nicht weniger Niederschlag fällt – er verteilt sich nur anders. Die Winter sind mittlerweile ungewöhnlich nass, die Sommer dafür sehr trocken, hier regnet es viel weniger als eigentlich notwendig. Das ist definitiv ein Problem.“

Wie viel Niederschlag wäre denn hierzulande normal und wo stehen wir derzeit im Vergleich dazu?

Karsten Rinke: „Ein „normal“ ist schwer zu definieren. Wichtig zu wissen ist, dass es nicht auf die absolute Menge an Regen ankommt, der fällt, sondern darauf, wie viel davon am Ende ins Grundwasser übergeht – das nennt man Grundwasserneubildung. Denn 2/3 des Regens verdunsten ohnehin. Außerdem gibt es in Deutschland ein starkes Ost-/Westgefälle, was die Niederschläge angeht. Im Osten fällt üblicherweise viel weniger Regen, nämlich jährlich nur 450 Millimeter pro Quadratmeter, im Westen kann es auch mal das Doppelte sein – bis zu 900 Millimeter.“

Grundwasserspiegel massiv gesunken

Wie ist es denn derzeit um unseren Grundwasserpegel bestellt?

Karsten Rinke:Leider nicht besonders gut. Seit 2010 beobachte ich die Pegel von circa 200 verschiedener Orten in Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Im Durchschnitt ist der Grundwasserspiegel hier um einen Meter zurückgegangen. Das ist enorm, wenn man bedenkt, dass sich im Jahr ohnehin nur 5cm neu bilden.“

Die sehr heißen Sommer der letzten Jahre haben die Lage bestimmt auch nicht gerade entspannt…

Karsten Rinke: „Das stimmt. Allein 2018 ist im Osten viermal so viel Wasser verdunstet, wie sich eigentlich hätte neu bilden sollen – das ist enorm. Mit diesem Defizit haben wir noch heute zu kämpfen. Man kann davon sprechen, dass Dürreperioden mittlerweile „verdunstungsgetrieben“ sind. Das heißt, dass nicht der fehlende Regen das Problem ist, sondern die extreme Hitze, die dazu führt, dass wenn es mal regnet, sich alles wieder in Luft auflöst.“

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Klimakrise muss bekämpft werden

Womit müssen wir langfristig rechnen? Ab wann wird der fehlende Regen zum ernsthaften Problem?

Karsten Rinke: „Wir können schon jetzt beobachten, dass die Pflanzen unter dem Wassermangel leiden. Wenn der Grundwasserspiegel weiter sinkt, kommen die irgendwann gar nicht mehr ans Wasser heran. Zuerst trifft es nicht so tief wurzelnde Pflanzen wie Gräser und Getreide, irgendwann aber auch die Bäume. Es wird massive Ernteausfälle in der Landwirtschaft geben. Von den Flüssen fließt nicht mehr genug in stehende Gewässer ab, das heißt, dass viele Seen austrocknen werden. Ganze Gewässer werden austrocknen. Es wird Konflikte um die Wasserverteilung geben.“

Das klingt nicht sehr ermutigend. Wie lassen sich die schlimmsten Folgen noch abmildern?

Karsten Rinke: „Das Gebot der Stunde lautet „die Klimakrise aufhalten“, denn die extremen Hitzewellen, die wir derzeit erleben, treiben die Verdunstung voran und sorgen dafür, dass der Grundwasserspiegel immer weiter sinkt. Außerdem sollten wir darüber nachdenken, versiegelte Flächen zurückzubauen, damit wieder mehr Wasser versickert. Auch Abwässer könnten wir anders nutzen, anstatt sie ins Meer zu leiten. Die Trockenlegung von Mooren ist ebenfalls nicht immer sinnvoll. Wir müssen jetzt handeln.“

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(eve)