6. Dezember 2017 - 9:31 Uhr

US-Botschaft soll von Tel Aviv nach Jerusalem verlegt werden

Sämtlichen Warnungen zum Trotz und entgegen internationaler Gepflogenheiten werden die USA Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkennen. Die US-Botschaft soll von Tel Aviv nach Jerusalem verlegt werden.

Politisches Erdbeben mit weitreichenden Folgen für den Nahen Osten

ARCHIV - US-Präsident Donald Trump berührt am 22.05.2017 die Klagemauer in Altstadt von Jerusalem. Trump hat den Palästinenserpräsidenten über seine Absicht informiert, die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen. Die palästinensische Na
US-Präsident Donald Trump am 22. Mai 2017 beim Besuch der Klagemauer in der Altstadt von Jerusalem.
© dpa, Evan Vucci, OWE jai

Wieder einmal macht Donald Trump das, was er anscheinend am besten kann: Er ignoriert sämtliche Mahnungen, setzt sich über eigentlich allgemeine gültige Spielregeln hinweg und interessiert sich kein bisschen für die möglichen Folgen seines Tuns.

Seit der Staatsgründung Israels hat jeder US-Präsident diesen Schritt sorgsam vermieden - aus vielen Gründen. Denn die Konsequenzen sind absehbar: Trump wird ein politisches Erbeben im Nahen Osten auslösen, dessen Folgen verheerend sein könnten. Die internationalen Reaktionen schwanken zwischen Kritik und absoluter Verständnislosigkeit. Länder wie Deutschland oder Frankreich verweisen auf das gewaltige Eskalationspotenzial der Entscheidung. Die Türkei droht Israel mit einem Abbruch der diplomatischen Beziehungen. "Herr Trump, Jerusalem ist die rote Linie der Muslime", sagte Staatspräsident Recep Erdogan.

Palästinenser-Präsident Mahmoud Abbas und Jordaniens König Abdullah warnten vor gefährlichen Folgen für die Stabilität der Region, die radikalislamistischen Hamas-Terroristen riefen das palästinensische Volk in einer Stellungnahme zu einem neuen bewaffneten "Jerusalem-Aufstand" auf.

Wie es weitergeht, ist vollkommen unklar. Die USA selbst warnen über ihre Botschaft in Israel vor Gewaltausbrüchen infolge der Entscheidung. Wenige Themen sind in Nahost aufgeladener und konfliktträchtiger als Jerusalem. Der Streit um den Tempelberg (Al-Haram al-Scharif/das edle Heiligtum) hat in der Vergangenheit immer wieder Gewalt ausgelöst.

Jerusalem, die Lunte am Pulverfass Nahost: Fragen und Antworten

ARCHIV - Blick über die Altstadt von Jerusalem mit dem Felsendom im Vordergrund, aufgenommen am 12.05.2016.    (zu dpa "Gabriel warnt USA vor Anerkennung Jerusalems als Israels Hauptstadt" vom 05.12.2017) Foto: Atef Safadi/EPA/dpa +++(c) dpa - Bildfu
Blick über die Altstadt von Jerusalem mit dem Felsendom im Vordergrund.
© dpa, Atef Safadi, as lb tba

Was könnten Donald Trumps Gründe sein?
Angesichts der Tragweite ist das nicht ganz klar. Ja, er löst ein Wahlversprechen ein. Auch begeistert Trump damit neuerlich seine Basis, in den USA gibt es große Zustimmung von den Evangelikalen und auch von wichtigen Trump-Großspendern wie dem Kasinobesitzer Sheldon Adelson. Dafür nehmen die USA eine schwere Eskalation in Nahost wenigstens billigend in Kauf. Trump verprellt eminent wichtige US-Partner nicht nur in der arabischen Welt. Jerusalem gilt als zentrale Frage in einem möglichen Nahost-Friedensprozess.

Warum ist Jerusalem die Lunte am Pulverfass Nahost?
Die Stadt ist Juden, Christen und Muslimen heilig. In der Altstadt liegt der Tempelberg (Al-Haram Al-Sharif: Das Edle Heiligtum). Er gilt Juden und Muslimen als bedeutendes Heiligtum. Nach islamischem Glauben ritt der Prophet Mohammed von dort aus in den Himmel. An dieser Stelle steht heute der Felsendom mit seiner goldenen Kuppel. Daneben befindet sich die Al-Aksa-Moschee. Die Stätten bilden das drittwichtigste islamische Heiligtum. Für die Juden ist der Ort ebenfalls von höchster Bedeutung, weil dort zwei jüdische Tempel standen. Die Klagemauer am Fuß des Tempelbergs ist der Überrest der ehemaligen westlichen Stützmauer des zweiten Tempels, der von den Römern im Jahr 70 zerstört wurde.

Wie ist die Situation in Jerusalem entstanden?
​Israel eroberte 1967 im Sechs-Tage-Krieg unter anderem Ost-Jerusalem und annektierte es später. Die internationale Gemeinschaft erkennt diesen Schritt nicht an. Die Palästinenser wollen Ost-Jerusalem als Hauptstadt für einen unabhängigen Staat Palästina in Ost-Jerusalem, das Westjordanland und den Gazastreifen. Israel beansprucht die ganze Stadt für sich.

Ariel Scharons Provokation löste Welle der Gewalt aus

GRAFIK --- Karte mit israelischen und palaestinensichen Siedlungen (90 x 82mm, hoch) vom Mittwoch, 06. Dezember 2017 (KEYSTONE/Gerhard Riezler) |
Karte mit israelischen und palästinensichen Siedlungen (KEYSTONE/Gerhard Riezler).
© picture alliance/KEYSTONE, GERHARD RIEZLER, GR

Wie kam es zur zweiten Intifada?
Im September 2000 besuchte der damalige Oppositionsführer Ariel Scharon demonstrativ den Tempelberg. Die Palästinenser empfanden das als Provokation. Die zweite Intifada brach aus. Mehr als 3.000 Palästinenser und 1.000 Israelis kamen in den folgenden viereinhalb Jahren durch Gewalt ums Leben.

Welche Lösungsvorschläge gab es für die Stadt in der Vergangenheit?
Die Vereinten Nationen wollten Jerusalem nach dem Teilungsplan von 1947 international verwaltet sehen. Im Jahr 2000 schlug der damalige US-Präsident Bill Clinton vor, Jerusalem aufzuteilen. "Was jüdisch ist, bleibt jüdisch, was arabisch ist, wird palästinensisch", lautete seine Formel. Ähnlich sah dies auch die 'Genfer Initiative' vor, die 2003 von israelischen und palästinensischen Vertretern erarbeitet wurde.

Wer lebt wo in Jerusalem?
In ganz Jerusalem leben nach Angaben des Zentralen Israelischen Statistik-Büros ungefähr 866.000 Menschen, davon 542.000 Juden und 323.700 Araber. Ost-Jerusalem ist arabisch geprägt, West-Jerusalem jüdisch. In Ost-Jerusalem leben heute schätzungsweise mehr als 200.000 israelische Siedler und rund 300.000 Palästinenser.