59% der Kinder lernen nicht mehr schwimmen

Deutschland wird zum Nichtschwimmerland

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14. Juni 2019 - 10:51 Uhr

von Lauren Ramoser

504 Menschen sind 2018 in Deutschland ertrunken – 100 Menschen mehr als noch 2017. Bedauerliche Einzelfälle? Leider nein, denn immer weniger Deutsche können schwimmen. Die DLRG erhebt schwere Vorwürfe gegen die Kommunen: Wer an Schwimmbädern spart, muss mit der Zahl der Toten leben können.

DLRG erhebt schwere Vorwürfe

Die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) schlägt Alarm: Die Zahl der Nichtschwimmer ist hierzulande drastisch angestiegen. "Insgesamt ist das eine sehr dramatische Entwicklung bei unseren Kindern, die die Grundschule verlassen", sagt Achim Wiese, Pressesprecher der DLRG. "Da können 59% nicht richtig schwimmen."

Eigentlich sollten Kinder mit fünf Jahren Schwimmen lernen, damit sie in der Grundschule bereits sichere Schwimmer sind. Das rettet Leben, vor allem in der anstehenden Badesaison. Forsa-Umfragen, die die DLRG in den vergangenen 14 Jahren beauftragt hat, zeigen, dass jährlich weniger Kinder Schwimmen lernen.

"Die Entwicklung seit 2005 ist sehr dramatisch. 2010 waren es beispielsweise 50 Prozent und 2017 schon 59 Prozent, die nicht richtig schwimmen können. Und wenn das so weiter geht, entwickelt sich Deutschland zum Land der Nichtschwimmer."

Schwimmbäder werden kaputt gespart

Aber nicht nur das Problem ist bekannt, auch der Grund für die besorgniserregende Entwicklung. "Es liegt daran, dass 25 Prozent der Grundschulen überhaupt keinen Zugang mehr zu einem Schwimmbad haben, um Schwimmunterricht anzubieten", so Wiese. Seit 2000 schließen laut DLRG pro Jahr etwa 80 Schwimmbäder in Deutschland, weil das Geld fehlt.

Bäder sind zudem finanziell wenig lukrativ und müssen von Kommunen bezuschusst werden. Diese Kosten werden häufig eingespart, sodass Schwimmbäder entweder geschlossen oder an einen privaten Träger verkauft werden. Dann steigen in den meisten Fällen die Ticketpreise und sind für viele Familien nicht mehr erschwinglich. Dabei gehörten Bäder seit den 1970er zum öffentlichen und sozialen Raum, wurden als Kulturstätten betrachtet.

Achim Wiese hat dazu eine eindeutige Meinung: "Wir sagen immer: Wenn ein Bürgermeister es zulässt, dass sein Bad geschlossen wird, muss er auch mit der Verantwortung leben, dass irgendwann ein Mensch ertrinkt, weil er bei ihm nicht schwimmen lernen konnte."

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Warum es wichtig ist, die Schwimmbadschließungen zu stoppen. Das ist relativ einfach zu beantworten. Ein entscheidender Grund ist zum Beispiel, dass immer weniger Menschen - insbesondere Kinder - nicht mehr Schwimmen lernen können. Warum ist Schwimmen lernen so wichtig? Wenn jeder schwimmen könnte, dann würde es deutlich weniger Todesfälle durch Ertrinken geben! Im Jahr 2017 sind bei uns in Deutschland mehr als 445 Menschen ertrunken. Im Jahr 2018 waren es nachgeraten Schätzungen deutlich mehr! Die Ursachen: Leichtsinn, Überschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit, das Baden an unbewachten Badestellen und vor allem, die zurückgehende Schwimmfähigkeit! Ein Grund dafür ist die Bäderschließung! Alle vier Tage schließt ein Schwimmbad. Insgesamt sind das im durchschnitt 80 im Jahr! Was bieten uns Schwimmbäder noch? Es ist ein Lehrort für Schulen, ein Treffpunkt für viele von uns, ein Platz, an dem wir für Wettkämpfe trainieren können! Wir wollen dagegen etwas tun - wir müssen! Ihr könnt uns helfen! In der Bio findet ihr einen link, unter dem ihr an unserer Unterschriftensammlung teilnehmen könnt! Hier müsst ihr euren vollständigen Namen, eure Adresse und eure E-Mail-Adresse angeben. Insgesamt müsst ihr drei Schritte durchführen. Danach erhaltet ihr eine E-Mail, die ihr noch einmal bestätigen müsst. Wichtig: Diese E-Mail landet oftmals im Spam Ordner, schaut doch da bitte einmal rein. Keine Sorge, eure Daten werden nur für die Unterschriftensammlung verwendet. Wenn euch das, was wir - die DLRG - tun, und das, was wir sind, wichtig ist, dann nehmt euch einmal kurz die Zeit und helft uns. Es sind nur drei Schritte, maximal 3,5 Minuten eurer Zeit. 🙏💪 #dlrg #ehrenamt #rettetdiebäder #lebenretten #schwimmbad #wasser #leer #schlauchboot

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Schwimmkurse werden bezuschusst

In vielen Regionen sind die angebotenen Schwimmkurse schnell ausgebucht, vor allem während der Ferienzeit. Eine Mitgliedschaft bei der DLRG ermöglicht Kindern und auch Erwachsenen über ein Jahr hinweg Schwimmen zu lernen und auch zu trainieren. Der Mitgliedsbeitrag liegt, je nach Ortsgruppe etwa zwischen 50 und 80 Euro pro Jahr. Darin enthalten sind der Kurs und der Eintritt ins Hallenbad. Hartz 4 Empfänger bekommen Zuschüsse.

Unter den Ertrinkenden befanden sich in den vergangenen Jahren auch einige Geflüchtete, die auch im Erwachsenenalter oftmals schlicht nicht schwimmen können. "Die Hemmschwelle, einen Schwimmkurs zu machen, ist für Erwachsene natürlich nochmal höher", sagt Wiese.

Online-Petition soll helfen

Die Online-Petition "Rettet die Bäder!" soll das Schwimmbad-Sterben stoppen. Vielen scheint die dramatische Lage der Bäder bewusst zu sein. Die erhofften 50.000 Unterschriften wurden längst erreicht. Aktuell haben mehr als 100.000 Menschen unterschrieben – und die Petition läuft noch bis Ende August.