"Hart aber fair"

“Alle sind kurz vor dem Burnout“ - Schulalltag in Deutschland

Frank Plasberg diskutierte mit seinen Gästen über die schweren Bedingungen unter denen Schüler jetzt lernen müssen.
© dpa, Horst Galuschka, hg sab kde gfh

26. Mai 2020 - 7:38 Uhr

Expertin für Digitale Bildung wettert gegen die deutsche Bildungspolitik

Eltern und Lehrer stehen seit Corona vor einer großen Herausforderung. Die bisherigen Lockerungen für Schulen reichen scheinbar nicht aus, um Erleichterung in den Familienalltag zu bringen. Auch für Schulen und Kitas braucht es eine verantwortbare Normalität. Doch die lässt viel zu lange auf sich warten. Fernab der einstigen Familienidylle schlagen sich Eltern und Kinder noch stets den Lernstoff um die Ohren. Frank Plasberg diskutierte mit seinen Gästen darüber, wie es um den Schulalltag nach dem Lockdown steht.

Die Gäste und Ihre wichtigsten Aussagen:

  • Die Expertin für digitale Bildung, Verena Pausder: "Wir brauchen keine Konzepte mehr, wir brauchen jetzt die Geräte. Zweieinhalb Millionen Kinder haben wir gar nicht erreicht im Homeschooling, weil die kein Gerät hatten. Wir kennen das Thema schon zu lange und deshalb macht es mich wütend, dass wir ohne Druck nichts in diesem Land machen". (...) "Die Lehrer sind nicht ausgebildet, deshalb müssen wir das jetzt als Chance begreifen, um den Turbo zu zünden". (...) "Wir müssen das Curriculum entlasten. Um die Freiheit für so einen Unterricht zu haben, können wir nicht durchhecheln wie bisher, denn da sind alle kurz vorm Burnout.
  • Familienministerin Franziska Giffey (SPD): "Es ist nicht alles verloren im Leben eines Schulkindes". (…) "Was meinen sie was in den Ministerien gelaufen ist um das alles hinzukriegen?  Da gab es kein Wochenende, da gab es Nachtschichten. Das unser Land, unser Staat so funktioniert, wie er funktioniert, dass diese ganzen Hilfsmaßnahmen in dieser Größenordnung, in dieser kurzen Zeit mit "X" Gesetzen beschlossen wurden ist, ist doch nicht vom Himmel gefallen".
  • Die Moderatorin mit Erziehungskolumne, Collien Ulmen-Fernandez: "Die meisten Lehrer, die ich kenne, haben nicht mal eine dienstliche Emailadresse, da frage ich mich wie digitales Lernen funktionieren soll." Außerdem steigt sie auf das Thema ein, dass rund 28 Prozent aller Frauen in Deutschland weniger arbeiten, um die Kinder daheim zu betreuen, seit Schulen und Kitas geschlossen wurden. Dies sei auch eine Folge dessen, dass Frauen in vielen Berufen weniger als der Mann verdienen, obwohl es sich um die gleiche Tätigkeit wie die des Mannes handelt.
  • Jugend- und Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU): "Es ist sicher richtig, dass wir digital, in ganz Deutschland was Schulen angeht, nicht sehr gut aufgestellt sind, das gehört zur Wahrheit dazu. Da muss man aus Corona dringend was lernen". Außerdem findet sie es traurig, aber nicht überraschend, dass es große Defizite gibt, was die gesellschaftliche Stellung der Frau angeht und stimmt Collien Ulmen-Fernandez zu, dass an der Gleichberechtigung der Geschlechter gearbeitet werden muss, "In den Köpfen muss was passieren".
  • Der Bundeselternratsvorsitzende, Stephan Wassmuth: "Die Schulleitungen haben sich Mühe gegeben, aber sind von der Politik im Stich gelassen wurden". (…) "Was müssen wir tun bis zum nächsten Schuljahr, damit wir im nächsten Schuljahr einen vernünftigen Unterricht gestalten können?"
  • Der Bundesvorsitzende des Verbands für Bildung und Erziehung, Udo Beckmann: "Niemand spielt sich an den Füßen". Dennoch sagt er, "Es ist mir unbegreiflich, wie wir ein Konjunkturprogramm machen, ohne in die digitale Fortbildung der Schüler und Lehrer zu investieren."

Das Fazit

Bereits vor der Pandemie wurde nicht hinreichend am sogenannten "Digitalpakt" gearbeitet – einem Vorhaben zum digitalen Lernen an deutschen Bildungseinrichtungen. Die Folge: kaum eine Schule wurde von den Behörden ausgestattet, kaum ein Lehrer ausgebildet, um virtuellen Unterricht zu gestalten. Zusätzliche Leistungen, wie eine Anpassung des Elterngeldes wiegen nicht auf, was Familien aktuell in Deutschland durch Homeschooling durchleben müssen.

Während sich auf die Empfehlungen von Virologen verlassen wird, wie die nächsten Lockerungsmaßnahmen in der Bildungspolitik aussehen könnten, müssen in den Klassenzimmern in denen bereits wieder Unterricht stattfindet 1,5 Meter Abstand eingehalten werden. Dabei ist fragwürdig wie viel diese Regelung bringt, wenn man sich im Schulbus dicht an dicht drängt. Es bleibt abzuwarten wie und wann eine Fortbildungsinitiative für digitales Lernen geschaffen wird.