Immer wieder Ärger mit den sozialen Medien

"Insulin oder Heroin" - Shitstorm für Plakat-Kampagne der Hamburger Polizei

Shitstorm für Plakat-Kampagne der Polizei "Insulin oder Heroin"
© Screenshot Polizei Hamburg

07. Juli 2020 - 11:46 Uhr

Aufmerksamkeit für Missstände schärfen - oder Aufruf zur Denunziation?

Läuft derzeit nicht so bei der Polizei Hamburg – zumindest was Social Media angeht. Ein Shitstorm folgt auf den nächsten. Nach einem misslungenen Kommentar zu schwarzen Schwänen inmitten der Rassismus-Debatte wurden kürzlich Fake-Vorwürfe gegen die Behörde laut, man habe eine vermeintliche Lobes-Postkarte gefälscht. Jetzt also die nächste Welle der Empörung – dieses Mal sorgt eine zweifelhafte Plakat-Kampagne für Diskriminierungs-Vorwürfe.

Sollte man wegen einer Spritze direkt die Polizei rufen?

Auf ihrem Facebook-Kanal und auch auf der offiziellen Internetpräsenz der Polizei Hamburg wird derzeit auf eine Kampagne hingewiesen, die offenbar die Aufmerksamkeit der Bevölkerung für Straftaten im Alltag schärfen soll. Die erhoffte Aufmerksamkeit gibt es jetzt auch: Allerdings nicht für die tolle Kampagne, sondern für zwei eher zweifelhafte Plakate aus der Serie.

"Schnäppchen oder Falle", "Autofan oder Autoknacker" sind beispielsweise zwei der Plakatmotive aus der Kampagne - harmlos. Doch auf Facebook teilte die Polizei mit ihrem offiziellen Account außerdem ein Plakat mit der Aufschrift: "Insulin oder Heroin? Geh auf Nr. Sicher, ruf die Polizei" Darauf zu sehen ist ein Mann, der auf einer Parkbank sitzt, neben ihm eine Spritze.

Eine Twitter-Userin machte einen Screenshot von dem Plakat und postete es wiederum auf Twitter. Die Userin wirft der Polizei in ihrem Posting vor, mit dem Plakat weiter die Stigmatisierung und Diskriminierung von Diabetes-Patienten voranzutreiben.

"Muss ich jetzt Angst haben, die Polizei auf den Hals gehetzt zu bekommen?"

Der Tweet wurde knapp 6.200 Mal geliked und fast 1.500 Mal geteilt, darunter pflichten viele weitere User der Kritik bei. "Ich finde es auch so schon unheimlich unangenehm, mich in der Öffentlichkeit zu spritzen", schreibt ein User. "Muss ich jetzt Angst haben, die Polizei auf den Hals gehetzt zu bekommen, wenn ich mir öffentlich eine Injektion spritze?" heißt es in einem weiteren Kommentar. Andere scheinen das Ganze nicht so schlimm zu finden: "Ich bin selbst Diabetiker und finde die Kampagne OK."

Werden hier Suchtkranke kriminalisiert?

Doch nicht nur der Aufruf, im Zweifel lieber mal wegen eines Diabetikers die Polizei zu rufen, auch die Kriminalisierung von Suchtkranken wird kritisiert: "Unwürdig, wie die Polizei Jagd auf kranke Menschen macht", heißt es unter dem Post, oder "Wenn sich jemand Heroin spritzt, sollte man lieber den Notarzt rufen, statt die Polizei".

Polizei Hamburg löscht Insulin-Motiv und bezieht Stellung

Die Polizei Hamburg hat sich die Kritik offenbar zu Herzen genommen und das Plakat von ihrer Facebookseite gelöscht. Nach eigenen Angaben habe man das Motiv ganz aus der Kampagne genommen, heißt es in einem Statement, das ebenfalls auf Twitter veröffentlicht wurde: "Eine Stigmatisierung von Insulinpflichtigen […] war ausdrücklich nicht unsere Intention. Wie bei anderen Plakatmotiven […] möchten wir lediglich dazu anregen, hinzusehen, auf das eigene Bauchgefühl zu vertrauen und ggf. Hilfe zu leisten oder uns zu alarmieren."

"Kumpel oder Klauer?" Ist dieses Motiv homophob?

Man hat also die Kritik ernst genommen und entsprechend reagiert – soweit so gut. Doch auch ein anderes Motiv aus der Kampagne erhitzt die Gemüter. "Kumpel oder Klauer? Geh auf Nr. sicher. Ruf die Polizei" heißt es auf diesem Plakat. Abgebildet sind zwei Männer von hinten, die dicht beieinanderstehen. Der eine Mann legt seine Hand auf den Po des anderen Mannes. Ohne den Schriftzug ließe sich hier problemlos auch ein homosexuelles Pärchen erkennen. Und genau da hagelt es wieder Kritik: "Sind Schwule automatisch verdächtig?", fragt ein User beispielsweise. Und "Homophobie geht gar nicht", schreibt ein anderer.

Screenshot Polizei Hamburg/In Hamburg schaut man hin
"Kumpel oder Klauer?" heißt es auf diesem Plakat, das immer noch auf der Seite der Polizei zu finden ist.
© Screenshot Polizei Hamburg/In Hamburg schaut man hin

Sensibilität: Fehlanzeige!

Zu diesem Plakat hat sich die Polizei bislang nicht geäußert – auch ist es weiterhin online auf der Kampagnen-Seite der Behörde zu finden. RTL hat die Polizei Hamburg bezüglich dieses Motivs um eine Stellungnahme gebeten.

Ob man die Kritik nun teilt oder nicht: Die Polizei in Hamburg hat nicht das erste Mal mit einem Shitstorm in den sozialen Medien zu kämpfen. Statt Humor und Coolness gibt's auf den Accounts steife Versuche, die Polizei in ein gutes Licht zu rücken. Und was Sensibilität für kritische Themen angeht: Error 404 – auf dieser Seite nicht gefunden.