Eine Legende tritt ab

Darum ist Dirk Nowitzki einer der größten deutschen Sportler

11. April 2019 - 14:32 Uhr

Von Emmanuel Schneider

21 Saisons mit der Nummer 41: Dirk Nowitzki ist in der vergangenen Nacht zum letzten Mal für die Dallas Mavericks in der NBA aufgelaufen. Damit geht eine einzigartige Ära zu Ende. Der Würzburger prägte eine ganze Sportlergeneration. Er brachte die beste Basketballliga der Welt auf ein neues Level. Nowitzki ist ohne Zweifel einer der größten Basketballer und größten deutschen Sportler der Geschichte. Eine Verneigung.

Von Würzburg nach Dallas: Wie aus einem jungen Zweitligaspieler eine Basketball-Legende wurde

Dirk Nowitzki
Dirk Nowitzki musste in seiner Debütsaison viel Lehrgeld bezahlen
© dpa, Paul_Buck

Ausgerechnet in San Antonio endete die Karriere des mit Abstand besten deutschen Basketballers. Genau dort hatte sie 1998 so richtig Fahrt aufgenommen. Der damals 19-Jährige war mit seinem Mentor und Entdecker Holger Geschwindner auf eigene Faust nach Texas aufgebrochen, um beim wichtigsten Nachwuchsspiel, dem "Hoop Summit" aufzuschlagen. Dafür hatte er gar das Playoff-Spiel des Zweitligisten DJK Würzburg sausen lassen. Eine Nacht-und-Nebel-Aktion. Aber Nowitzki lieferte ab: 33 Punkte, 14 Rebounds – auf einmal war er allen Experten ein Begriff. Kurz darauf verpflichteten ihn die Dallas Mavericks. Es sollte sein einziges Team in der NBA bleiben und war der Startpunkt einer Weltkarriere.

Vorschusslorbeeren hin oder her: Die ersten Schritte in der NBA-Glitzerwelt waren hart. In seinem ersten NBA-Jahr 1999 wird der 2,13 Meter große, dünne und blasse Deutsche teilweise ausgebuht, vieles geht daneben, er bekommt seinen Fuß noch nicht so recht auf das NBA-Parkett. Selbstzweifel plagten Nowitzki. Passt er in diese Welt? Nowitzki stolperte, aber fiel nicht.

Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Denn sein Coach Don Nelson glaubte an ihn. Nowitzki arbeitete wie ein Besessener an seinem Spiel. Während andere in den Sommerpausen relaxten, tüftelte Nowitzki mit seinem persönlichen Coach Geschwindner und dessen durchaus schrulligen Methoden (u.a. zu Live-Jazzmusik dribbeln) in einer Turnhalle im bayerischen Rattelsdorf an seiner Athletik, an seiner Physis, seiner Defensivarbeit und vor allem an seinem Wurf.

Heraus kam dabei, was die NBA heute als "Dirk-Move" kennt. Den einbeinig abgesprungenen Wurf im Rückwärtsfallen – liebevoll auch auf den Namen "Flamingo-Shot" getauft. Nowitzki wirft dabei in einer solchen Höhe und Winkel ab, dass er von seinem Gegenspieler quasi nicht zu blocken ist. Der Wurf ist seine Superpower. Kryptonit? Fehlanzeige.

Dosenöffner Dirk

Was damals noch keiner ahnt: Nowitzki bereitet vielen in den USA zuvor mit Skepsis begegneten Spielern aus Europa den Weg in die NBA. Er ist der Dosenöffner für ganze Generationen, zum Beispiel für seine jetzigen Mavs-Mitspieler und Kronprinzen Luka Doncic sowie Kristaps Porzingis. Und Coach Nelson ließ ihn gewähren. Ein langer Spieler, der von außen die Dreier ballert? Los geht's! Nowitzki revolutionierte die NBA und brachte ganze Defensivreihen zur Verzweiflung.

Alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt

Mit viel Talent aber noch viel mehr Arbeit wurde Nowitzki zum Star – und schließlich zur Legende, als er die Dallas Mavericks in den NBA-Finals 2011 zur Meisterschaft führte (Die größten und schwersten Momente seiner Karriere finden Sie hier). Acht Jahre später ist Nowitzki in etlichen Bestenlisten der statistikverliebten Amerikaner auf Augenhöhe mit den anderen ganz, ganz Großen seines Sports: Michael Jordan, Kareem-Abdul Jabbar, Kobe Bryant und LeBron James. So liegt "Dirkules" in der ewigen Punkte-Bestenliste auf Platz sechs, warf in 21 NBA-Jahren unglaubliche 31.540 Punkte (allein in der regulären Saison - ohne Playoffs).

Das allein rechtfertigt schon Nowitzkis Legendenstatus, doch es steckt viel mehr hinter der Ikone Nowitzki. Allen voran seine außergewöhnliche Bodenständigkeit. Er war nie einer, der mit dicken Karren posiert, das Nachtleben unsicher macht oder mit Geldscheinen um sich wirft. Unter all den aufgeblasenen Selbstdarstellern ist Nowitzki stets ein zurückhaltender Exot geblieben, dabei aber keinesfalls langweilig. Er ist immer für einen Witz zu haben, sorgt im Team mit Gitarre oder Saxophon für gute Stimmung und ist als großartiger "Trash-Talker" bekannt, also jemand der den anderen gerne mal aufs Korn nimmt und Sprüche drückt.

Alle lieben Dirk Nowitzki

dpatopbilder - 10.04.2019, USA, Dallas: Basketball: NBA, Hauptrunde, 164. Spieltag, Dallas Mavericks - Phoenix Suns im Amercian Airlines Center. Dirk Nowitzki von den Dallas Mavericks steht nach dem Spiel auf dem Spielfeld und hört ehemaligen Spieler
Nowitzkis Abschiedsrede vor "seinem" Heimpublikum
© dpa, Tony Gutierrez, TG pat

Besonders bemerkenswert: In zwei Jahrzehnten in der NBA und vielen harten Gefechten findet sich kein einziges negatives Wort über den Sportler Nowitzki oder den Menschen. Weder von ehemaligen Mit- noch Gegenspielern. In seiner Abschlusssaison huldigten ihm die Gegner (!) stattdessen und überschütteten den Texaner mit Lobeshymnen.

Würde man sich einen sympathischen Superstar schnitzen müssen, es käme ein Nowitzki heraus. Star-Allüren gibt es in seiner Welt nicht. Auch bei seiner emotionalen Abschiedsrede witzelte er noch, während ihm die Tränen in die Augen schossen: "Ich probiere meine Yoga-Atmung aus – aber es funktioniert nicht wirklich."

Geld ist nicht alles

Nowitzki war im großen Zirkus der vielen Egos nie einer, der nur an sich dachte. Einige Male hätte er den Club wechseln können – er lehnte dankend ab. Mehrmals verzichtete er auf viele Millionen Dollar, damit sein Team weitere Leistungsträger nach Dallas locken konnte. Für ihn zählte nur eines: der Titel – mit seinem Heimteam. Dallas ist Dirk und Dirk ist Dallas. Für seine Loyalität liegen ihm die Fans zu Füßen.

"Ich spiele nicht des Geldes wegen Basketball. Auch wenn ich damit nicht so gut verdienen würde, würde ich Basketball spielen, dann müsste ich nebenher etwas arbeiten." Ein Zitat aus dem Jahr 2001, das viel über den Menschen Nowitzki aussagt. Heute ist er der einzige NBA-Spieler, der 21 Saisons bei einem einzigen Team gespielt hat. Dazu kommt sein ehrenamtliches Engagement in Dallas und seiner Stiftung, um die er nie großes Getöse oder PR machte. Der Beitrag über "Onkel Dirk", der an Weihnachten Kinder besuchte, rührte Nowitzki im letzten Heimspiel zu Tränen.

Auf den Schock folgte das Glück

Dirk Nowitzki mit seiner Frau Jessica bei der Premiere seines Films "Nowitzki - Der perfekte Wurf" im September 2014
Dirk und Jessica Nowitzki sind seit 2011 ein Paar.
© ddp images

Inzwischen hat er auch sein ganz privates Glück gefunden. Nach einem schweren Rückschlag im Jahr 2009, als sich seine damalige Verlobte als eine per Haftbefehl gesuchte Betrügerin entpuppte, rappelte er sich wieder auf. Im Jahr der Meisterschaft lernte er die Schwedin Jessica Olson kennen, 2012 folgte die Hochzeit. Das Ehepaar Nowitzki hat inzwischen drei Kinder: Malaika, Max und Morris Nowitzki. Langweilig wird es dem 40-Jährigen als Dreifach-Papa nach Karriereende sicher nicht – zumal er nun endlich "Eis und Pizza zum Frühstück" verputzen darf.

Einer der größten deutschen Sportler

JAHRESRÜCKBLICK 2011 -Dallas Mavericks forward Dirk Nowitzki of Germany holds up the NBA Most Valuable Player (MVP) trophy after defeating the Miami Heat in the second half of game six of the NBA Finals at American Airlines Arena in Miami, Florida, U
Der größte Triumph: 2011 holt Dirk Nowitzki endlich die begehrte Trophäe
© dpa, Larry W. Smith

Er steht in einer Reihe der ganz, ganz großen deutschen Sportler: Beckenbauer, Schmeling, Schumacher, Graf, Becker – Nowitzki. Millionen Fans, Kids und die Profis selbst schauen zu ihm auf. Ein Weltstar, dessen Name in Europa, Amerika, Afrika, Asien und Australien – einfach überall – bekannt ist. Das Dallas-Trikot mit der 41 steht weltweit für den langen Deutschen, der so gut werfen kann – und für einen wahren NBA-Champion.

Bei allem Erfolg ist er stets ein Vorbild geblieben. Ein Aushängeschild für den Basketball und den deutschen Sport. Er wird fehlen – auf dem Parkett. Nach dem wohlverdienten Urlaub und den geplanten Reisen wird er dem Sport und dem Basketball aber sicher neben dem Spielfeld erhalten bleiben – in welcher Funktion auch immer.

1.666 Spiele, 35.193 Punkte, 2.126 Dreier, unzählige große Sportmomente. Am Ende bleibt nur noch zu sagen: Danke, Dirk!