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Digitalere Gesundheitsämter in der Pandemie: "Wir hätten deutlich länger mithalten können"

Sind unsere Gesundheitsämter endlich fitter?

"Wir können bis zu einer 250er-Inzidenz Kontakte nachverfolgen"

ARCHIV - 15.10.2020, Niedersachsen, Hannover: Soldaten der Bundeswehr helfen der Region Hannover bei der Nachverfolgung von Infektionsketten von dem Coronavirus. Rund die Hälfte der niedersächsischen Gesundheitsämter erhält in der Corona-Krise bereit
Corona-Hilfe durch die Bundeswehr in Niedersachsen
jst exa js jol, dpa, Julian Stratenschulte

von Philipp Sandmann

Immer wieder wurde auch darüber diskutiert, warum die Gesundheitsämter nur bis zu einer Inzidenz von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in den vergangenen sieben Tagen eine Kontaktnachverfolgung leisten können.

Immerhin werden mit diesem Wert viele der strengen Corona-Maßnahmen begründet, die Bund und Länder womöglich nochmal verschärfen wollen – ganz Deutschland liegt über diesem Wert. Was wäre also, wenn die Gesundheitsämter auch bei höheren Inzidenzen noch Kontakte nachverfolgen könnten?

Der Leiter des Dortmunder Gesundheitsamtes, Dr. Frank Renken, sagte nun zu RTL/ntv: „Wir gehören zu den Gesundheitsämtern, die sagen können: Bis zu einer Inzidenz von knapp unter 250 können wir tatsächlich tagesaktuell die Kontaktpersonen nachverfolgen.“

In der Spitze der Pandemie wurden aus dem Dortmunder Amt rund 14.000 Kontaktpersonen pro Woche angerufen. „Das waren also 2.000 Menschen, die wir am Tag antelefonieren mussten“, sagte Renken.

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"Die sind dann auch wieder weg"

Um das zu schaffen, musste Renken die Personaldecke in seinem Amt enorm hochfahren. Statt normalerweise 90 Mitarbeitern, arbeiten dort nun fast 400 – rund 300 davon in der Pandemie-Bekämpfung.

Es sei „gigantisch“ gewesen, wie das Amt so schnell personell aufgestockt werden konnte, sagt Renken. Da ging es auch um Schulungen, IT und Umzüge. Hilfe gab es von der Bundeswehr und anderen Ämtern aus der Region.

Einige Gesundheitsämter in Deutschland haben enorm aufgestockt, sagte Dr. Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte im öffentlichen Gesundheitsdienst (BVÖGD), zu RTL/ntv: „Auch andere Gesundheitsämter haben gesagt, dass sie eine Kontaktnachverfolgung auch über einer Inzidenz von 50 schaffen.“

Das Problem sei aber, dass diese durch die vielen Hilfskräfte ermöglicht werde: „Und die sind dann auch wieder weg“, so Teichert.

Renken und Teichert sind sich einig: Es macht langfristig wenig Sinn, die Gesundheitsämter auf Dauer personell so auszustatten. Kurzfristig, so Teichert, müsse man die Hilfskräfte allerdings vor Ort belassen.

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"Einige müssen Faxe schicken"

Viel gravierender sei weiterhin das Problem der fehlenden Digitalisierung in Laboren und Arztpraxen. Und auch die elektronischen Meldesysteme müssten vereinfacht werden, so Renken. „Einige Labore und die überwiegende Zahl der Arztpraxen können uns ihre Daten gar nicht elektronisch melden, weil sie keine Schnittstelle zu unserem digitalen System (DEMIS) haben“, sagte Renken.

Das hieße zwar, dass die Labore jeden Tag Untersuchungen machten und viele Ergebnissen bekämen, aber: „Sie sind nicht in der Lage, uns diese digital zu übermitteln. Einige Labore und die betroffenen Arztpraxen müssen weiterhin Faxe schicken.“

Auch Ute Teichert kritisiert, dass die digitale Software „SORMAS“, die bei der Kontaktnachverfolgung helfen soll, nur in einem Drittel der rund 370 Gesundheitsämter in Deutschland eingeführt worden sei. „Es wäre gut, wenn es diese Software bundesweit gebe, weil man die Daten dann auch vernünftig zusammenführen könnte. Das kann man im Moment überhaupt nicht“, so Teichert.

Wie problematisch es ist, dass die Verwaltung in Teilen von Deutschland so verstaubt ist, fasst Frank Renken so zusammen: „Hätten die digitalen Systeme in den Gesundheitsämtern in ganz Deutschland von Anfang an besser funktioniert, dann hätten auch nicht so viele Gesundheitsämter so früh die Kontrolle verloren. Wir hätten deutlich länger mithalten können.“