Greenpeace-Studie

Digital in der Coronakrise - Wie klimafreundlich ist Homeoffice?

Home Office: Gut fürs Klima oder gut für den Klimawandel?
© iStockphoto, Sonja Rachbauer

21. August 2020 - 14:08 Uhr

Corona stellt um auf Homeoffice

Weltweit stärken die Erfahrungen der Corona-Zeit die Nutzung von Homeoffice. Große Unternehmen wie die Allianz, Siemens, Google oder Facebook gehen davon aus, dass auch künftig große Teile ihrer Belegschaft zu Hause arbeiten werden. Nach einer nun veröffentlichten Studie im Auftrag von Greenpeace, fordern die Aktivisten die Bundesregierung auf, diesen ökologisch sinnvollen Trend zu verstärken und ihn sozial gerecht zu gestalten. Über das Arbeiten im Homeoffice und wie gut das wirklich für die Ökobilanz ist, sprachen wir mit einem Experten: Tilman Santarius ist Professor für Sozial-Ökologische Transformation und Nachhaltige Digitalisierung an der TU Berlin und am Einstein Center Digital Futures.

CO2-Ausstoß kann deutlich gesenkt werden

 Zähfliessender Verkehr, Stadtautobahn A 100, Wilmersdorf, Berlin, Deutschland *** Countless traffic urban motorway A 100 Wilmersdorf Berlin Germany
Zähfliessender Verkehr auf der Berliner, Stadtautobahn A 100: Durch das Homeoffice sieht Greenpeace die Chance, den Berufsverkehr deutlich runterschrauben zu können.,
© imago images/Schöning, Schoening via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Arbeiten Menschen auch über die Corona-Pandemie hinaus öfter von zu Hause, vermeidet das Millionen Tonnen CO2 und senkt spürbar die Verkehrsbelastung. Um 5,4 Millionen Tonnen pro Jahr kann der CO2-Ausstoß im Verkehr sinken, wenn 40 Prozent der Arbeitnehmenden dauerhaft an zwei Tagen pro Woche von Zuhause arbeiten, zeigt eine Studie der Berliner Denkfabrik IZT im Auftrag von Greenpeace. Das entspricht 18 Prozent aller durch Pendeln entstehenden Emissionen und 35 Milliarden Personenkilometer pro Jahr, die wegfielen. In verschiedenen Szenarien kalkulieren die Autorinnen die jeweils vermiedenen Treibhausgase und die so gesparten Personenkilometer.

Greenpeace-Sprecher Benjamin Stephan dazu: "Bundesregierung und Unternehmen sollten die Arbeit im Homeoffice jetzt konsequent fördern, denn Telearbeit schützt das Klima, entlastet den Verkehr und schenkt Arbeitnehmenden Zeit und Flexibilität." Wir sprachen mit Professor Tilman Santarius über die Auswirkungen des Homeoffice auf unsere Ökobilanz.

Interview mit Prof. Dr. Tilman Santarius von der TU Berlin

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Einer, der sich in der digitalen Welt auskennt: Prof. Dr. Tilman Santarius
© privat

Welche positiven Auswirkungen hat die Corona-Krise auf das Home-Office?

Dadurch, dass ganz viele Leute jetzt im Homeoffice arbeiten, können die Verkehrsströme radikal verringert werden. Dadurch werden Emissionen eingespart. Und die Leute sparen auch eine Menge Zeit. Sowohl für die Umwelt ist das gut, als auch für die persönliche Work-Life-Balance sollte das sehr gut sein.

Welche konkreten Umweltbelastungen fallen weg?

Zum einen fällt das Pendeln zur Arbeit weg - das ist ein erheblicher Teil des Verkehrsaufkommens in Deutschland. Zum zweiten lassen sich auch viel mehr Menschen Waren nach Hause liefern - wenn hier Lieferverkehre den Einkauf von Waren bündeln, ist das ökologisch auch viel besser, als wenn jeder einzelne Käufer oder jede einzelne Käuferin mit dem eigenen PKW zum Supermarkt hin- und zurückfährt.

15.03.2020, Berlin: ILLUSTRATION - Ein Frau arbeitet in Homeoffice (gestellte Aufnahme). (zu dpa-Korr "Coronavirus zwingt Betriebe in Deutschland ins Experiment Homeoffice") Foto: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Coronavirus-Krise: Homeoffice im Wohnzimmer wird zur Normalität
© dpa, Jens Kalaene, jka kde

Ein riesiger Sprung Richtung Digitalisierung

Es wurden ja die letzten Jahre viel über Homeoffice diskutiert, aber es setzte sich nie richtig durch. Was ändert sich jetzt gerade?

Ich glaube, die Gesellschaft macht gerade einen riesigen Sprung in die Richtung Digitalisierung und ganz viele Lerneffekte auf allen Ebenen: dass sich eben mit Videokonferenzen, mit Telefonkonferenzen und sonstiger digitaler Kontaktpflege beruflich, aber auch privat, sehr sehr gut arbeiten lässt. Ich glaube auch nicht, dass das nach der Krise vergessen sein wird. Das ist etwas, was die Krise der Gesellschaft nachhaltig beigebracht hat.

Da nochmal nachgehakt, wie nachhaltig ist das ganze tatsächlich? Oft fallen die Menschen ja dann wieder in den alten Trott zurück…

Ich glaube, dass die Menschen nicht vergessen werden, wie viel Zeit sie sparen durch Homeoffice, dass die Pendelei zum Arbeitsplatz wegfällt. Und ich glaube auch, dass der Lerneffekt, was man über Videokonferenzen umsetzen kann, wie diese Tools funktionieren, und dass es teilweise auch schon sehr gut klappt mit mehreren Menschen gemeinsam zu konferieren - das sind alles Erlebnisse, die werden nach der Krise garantiert Bestand haben.

ARCHIV - 26.04.2010, Hessen, Frankfurt Am Main: Etliche Terrabyte an Daten laufen durch die gelben Glasfaserleitungen der Firma De-Cix. Der in Frankfurt basierte weltgrößte Internet-Knoten DE-CIX hatte mitgeteilt, der durchschnittliche Datenverkehr h
Videokonferenzen, Homeoffice, Streaming aus Langeweile: Es ist gerade viel los in den Glasfaserkabeln dieser Welt.
© dpa, Boris Roessler, br cul hgr mjh rho tmk fie pil h

Datenverkehr ist um 10 Prozent gestiegen

Welche Auswirkungen hat es auf die Qualität der Arbeit?

Die Qualität der Arbeit kann in Einzelfällen auch leiden. Manche Sachen lassen sich nur Face to Face machen. Gerade, wenn man sich erst einmal kennen lernen muss, ist es sicherlich besser, sich persönlich zu begegnen. Aber wir kennen aus den verschiedensten Berufzweigen auch Meetings, die sich eben sehr wohl in die Videokonferenz oder Schaltkonferenz verlegen lassen. Und dadurch lässt sich Zeit sparen und insgesamt kann dann die Qualität und die Produktivität mit der Arbeit sogar steigen.

Sie haben die positiven Auswirkungen für die Umwelt genannt, aber wie sieht es mit negativen Konsequenzen aus, durch den steigenden Stromverbrauch?

Natürlich steigt jetzt der Stromverbrauch an. Dadurch dass wir mehr digitale Medien nutzen. Der Datenverkehr ist etwa um zehn Prozent angestiegen, seit der Coronakrise. Aber die Stromverbräuche, die damit einhergehen, betragen nur einen Bruchteil von den Energieverbräuchen, die beim Verkehr aufkommen würden. Das heißt, netto haben wir hier ganz klar eine positive ökologische Bilanz zu verzeichnen.

ARCHIV - 26.03.2020, Frankreich, Paris: Bundeskanzlerin Angela Merkel (oben links) und andere europäische Staats- und Regierungschefs, sowie Mitglieder des Europäischen Rates, sind während einer Videokonferenz im Elysee-Palast in Paris auf dem Bildsc
Videokonferenz auf höchster Ebene: Auch Regieren geht digital in Zeiten von Corona.
© dpa, Ian Langsdon, BC fgj pil

Im Netz ist noch viel Platz

Inwiefern ist die digitale Infrastruktur denn auf die Mehrbelastung vorbereitet?
Ja, da war jetzt die Rede von dem verstopften Internet und dass die Plattformen alle zusammenbrechen. Insgesamt ist das Netz in Deutschland, aber auch in den meisten anderen Ländern, auf ein vielfach größeres Datenvolumen ausgelegt, als wir es derzeit, sogar in der Krise, nutzen. Das heißt, hier ist noch Luft nach oben und es kann natürlich gut sein, dass sich auf einzelnen Plattformen, bei einzelnen Anwendern, die Kapazitäten stauen. Etwa bei den Streamingdiensten, Netflix, YouTube, auch bei anderen wie Instagram und Facebook. Teilweise haben die Unternehmen jetzt auch selber schon die Datenqualität verringert, um die Datenströmen zu reduzieren. Das kann man aber auch als Vorbeugemaßnahme bezeichnen.

Sie haben gesagt, dass es einen Anstieg um 10 Prozent gab, gibt es denn schon die Möglichkeit diese Zahlen ins Verhältnis dazu zusetzen, was wir durch weniger Verkehr und Flüge sparen?
Das müsste man noch abwarten. Ich weiß leider noch nicht genau, wieviel jetzt an Strom für die Flüge und für den Verkehr jetzt schon zurückgegangen ist. Die Zahlen habe ich aktuell nicht vorliegen. Die zehn Prozent waren der Anstieg des Datenverbrauchs. Das ist nicht 1 zu 1 der Stromverbrauch. Es gibt jetzt noch keine Zahlen, wie hoch der Stromverbrauch durch Digitalisierung hochgegangen ist. Das sind komplexe Berechnungen. Wir kennen zwar den Stromverbrauch der Haushalte, aber da muss rausgerechnet werden, wieviel auf die digitalen Geräte fällt. Das kann man nicht innerhalb von ein oder zwei Wochen berechnen.

ARCHIV - Freileitungen verlaufen in der Nähe eines Umspannwerkes bei Schwerin über Felder, aufgenommen am Dienstag (10.05.2011). Das Stromnetz steckt noch im Atomzeitalter mit einem Fokus auf Großkraftwerke. Diese stehen vor allem in der Nähe von Bal
Weniger Straßen-, aber mehr Datenverkehr und Stromverbrauch? Zahlen liegen noch nicht vor.
© dpa, Jens Büttner

Ökologische Homeoffice - geht das überhaupt?

Aber lässt sich grundsätzlich sagen: mehr Daten = mehr Stromverbrauch?

Unbedingt. Je mehr Daten wir transferieren oder auch generieren, desto höher ist der Stromverbrauch. Das ist ein ganz klarer Zusammenhang. Das heißt, wenn wir uns alle anstrengen, möglichst datensparsam zu leben in diesen Tagen, gleichwohl wir gerade Videokonferenzen mehr benutzen, dann tragen wir dazu bei, dass die Netze nicht so überlastet werden. Und dass der Stromverbrauch nicht so in die Höhe schießt.

Wenn wir jetzt schon auf das umweltschonende Home-Office setzen, denken wir doch einen Schritt weiter. Wie sieht denn dann ein ökologisches Homeoffice aus?

Ein ökologisches Homeoffice ist eins, wo ich den Strom aus erneuerbaren Energien, los von Ökostromanbietern beziehe. Und dann ist es auf der Anbieterseite interessant, welche digitalen Angebote man nutzt. Also Google betreibt den größten Teil seines Serverparks mit erneuerbaren Energien. Bei Amazon sieht das anders aus, die beziehen den Strom sozusagen aus der Steckdose. Da ist eine Menge Kohle- und Atomstrom drin. Also könnte man auch anbieterseits gucken, wer ist da besonders grün aufgestellt - und eher diese Dienste in Anspruch nehmen.