Argentiniens Volksheld ist tot

"Er geht nicht, Diego ist ewig"

Trauer um Diego Maradona
© AP, Alessandro Garofalo

26. November 2020 - 6:35 Uhr

Diego Maradona: "Danke an den Ball"

Einer der größten Fußballer aller Zeiten ist gestorben. Argentinien fällt in einen weiteren Ausnahmezustand. "Danke an den Ball", diesen Satz wollte Diego Maradona selbst auf seinem Grabstein lesen.

Von Roland Peters, Buenos Aires

"Er spielte Fußball mit meinem Sohn Gustavo. Er hat uns nie vergessen", sagt Elvira. Die 70-Jährige mit Sonnenbrille und Mund-Nasen-Schutz wohnt in Villa Fiorito und spricht ins Mikrofon des argentinischen Nachrichtensenders "Todo Noticias": "Wir sind alle Maradonas Nachbarn." Hier in den Armenvierteln der Provinz Buenos Aires wuchs Diego auf. Einer der größten Fußballer aller Zeiten. Weltmeister. "Hand Gottes". Volksheld in Argentinien, Legende in Italien, Albtraum der Gegner. Diego Maradona ist tot. Er starb im Alter von 60 Jahren nach einem Herzstillstand im Norden von Buenos Aires. Nun trägt Argentinien Trauer, überall.

Es beginnt am Zaun vor dem Ort, wo Diego aufwuchs. Dort hängt bereits kurz nach Bekanntwerden eine himmelblauweiße Landesfahne mit Trauerflor. Menschen versammeln sich, beugen den Kopf, trauern in Stille. Dabei ist die Welt um sie herum so laut. Alles fällt in einen Ausnahmezustand. Ein weiterer, inmitten der Pandemie.

Video: Neapel trauert um Maradona

Argentiniens Medien kennen kein anderes Thema: Die Fernsehsender schalten dauerhaft zwischen allen wichtigen Orten von Diegos Leben hin und her. Das Haus, wo er am Mittwochmittag starb, ist im 50-Meter-Radius abgesperrt. Das Achtelfinale der südamerikanischen Champions League zwischen Diegos Herzensklub Boca Juniors und Brasiliens Internacional Porto Alegre wird schnell abgesagt. Der Verein Gimnasia y Esgrima La Plata, Diegos letzte Station als Trainer vor seinem Tod, öffnet sein Stadion für trauernde Fans. Viele Tränen fließen.

Die Regierung hat eine dreitägige Staatstrauer ausgerufen. Präsident Alberto Fernández sagt seine Termine ab. Ab morgen wird Maradonas Körper in der Casa Rosada, dem Regierungssitz in Buenos Aires, für die Totenwache aufgebahrt. "Es tut enorm weh", sagt Fernández argentinischen Medien: "Danke dafür, dass es dich gab." Auf den Straßen spannen Menschen Flaggen auf. In Villa Fiorito beginnen Nachbarn damit, sein Geburtshaus mit Farbe zu streichen. Wildfremde Menschen fallen sich auf den Straßen in die Arme. Manche singen im Chor vor seinem Porträt.

Video: Nachruf auf Maradona

Er hat vielen Generationen Hoffnung gegeben

Vor 15 Jahren, als Diego ein eigenes Fernsehformat moderierte, "die Nacht der 10", da interviewte er sich selbst. Das größte argentinische Fußballportal "Olé" erinnert daran, was Maradona darin über seinen Tod sagte. "Gracias a la pelota", Danke an den Ball, dies solle auf seinem Grabstein stehen. Die Hinterbliebenen sollten sagen: "Danke, dass Du Fußball gespielt hast, weil es der Sport ist, der mir die meiste Freude gebracht hat, Freiheit, es ist so, als berühre man den Himmel."

"La Nación", die älteste argentinische Zeitung, veröffentlicht ein Foto Maradonas, wie er auf der Tribüne eines Stadions steht; die Arme ausgebreitet, den Blick in den Himmel, umringt von Fans, die Fotos von ihm schießen. Argentinien ist ein Land voller Armut, auch wenn dies in der Hauptstadt Buenos Aires nicht immer sichtbar ist. In diesen Zeiten, in denen die Pandemie viele Leben auf immer verändert, ist jemand wie Maradona noch mehr ein Fixpunkt. Einer, der allen Generationen viel Hoffnung gegeben hat. Als Beleg dafür, dass man es ganz nach oben schaffen kann, trotz aller schwierigen Umstände.

"Er verlässt uns, aber er geht nicht, denn Diego ist ewig", sagt Lionel Messi. Er und seine vermeintlich goldene Generation sollten die Glanzzeit Maradonas wiederholen, für eines der fußballverrücktesten Länder der Welt. Es ist der Messi, den Diego als Trainer der argentinischen Nationalmannschaft bei der WM 2010 bedingungslos in Schutz nahm, weil er davon überzeugt war, dass ein einziger genialer Spieler den Unterschied macht und Titel gewinnt. So wie Maradona selbst, als er auf dem Weg zum WM-Titel 1986 mit seinem berühmten Slalomlauf über den halben Platz das "Jahrhunderttor" gegen England erzielte.

Diego Maradona: Volksheld und Legende

Maradona, das wird einer dieser Zufälle sein, die man sich noch in Jahrzehnten in Argentinien erzählt, ist am gleichen Tag des Jahres wie Fidel Castro gestorben. Mit dem kubanischen Revolutionär hatte er sich vor dessen Tod viele Male getroffen, daran erinnert "Página 12", die große linke Zeitung Argentiniens.

Die ewige Nummer 10 hat auf dem Platz hat nie hinter dem Berg gehalten mit dem, was er konnte; abseits dessen nie, was er politisch dachte. Beides zusammen hat ihn zum Volksheld und zur Legende gemacht. Deshalb wird bald auch offiziell um Diego Armando Maradona getrauert werden. Mit einem Staatsbegräbnis.

ntv.de

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