Die Vorwürfe gegen Julian Assange

© dpa, Martial Trezzini

11. Dezember 2010 - 9:17 Uhr

Assanges Partnerinnen hatten Angst vor Ansteckung

Die beiden mutmaßlichen Opfer des inhaftierten Wikileaks-Chefs Julian Assange wollten den 39-Jährigen ursprünglich nicht anzeigen. Der unter Vergewaltigungsverdacht stehende Australier sollte sich nach ihrem Willen nur auf Geschlechtskrankheiten untersuchen lassen, wie mehrere Vertraute Assanges sagten. Nachdem mehrere Versuche der Kontaktaufnahme gescheitert waren, gingen die Frauen schließlich gemeinsam zur Polizei.

Assange hat sich mit der Veröffentlichung von Geheimdokumenten auf seinem Enthüllungsportal Wikileaks viele Bewunderer, aber auch viele Feinde gemacht. Nach den Worten seines Anwaltes bekommt er Todesdrohungen. Assange hat keinen festen Wohnsitz, reist viel, übernachtet bei Freunden und soll sich sehr vorsichtig verhalten. Diese Geheimniskrämerei könnte mit dazu geführt haben, dass schwedische Behörden gegen ihn wegen Vergewaltigung ermitteln. Seit Dienstag sitzt Assange in England in Haft. Er hat die Vorwürfe stets bestritten.

Die mutmaßlichen Straftaten sollen sich im August zugetragen haben, als sich Assange in Schweden aufhielt. Ursprünglich wollte der frühere Hacker das Land als Basis für Wikileaks nutzen, weil es dort besonders strenge Gesetze zum Schutz der Pressefreiheit gibt. Bei einer der Frauen, die in Gerichtsakten als 'Frau A:' bezeichnet wird, handelt es sich offenbar um eine Sprecherin für eine Gruppe, die Assange in Schweden empfing. Vertrauten zufolge übernachtete Assange bei ihr zu Hause, woraus sich eine sexuelle Beziehunge entwickelte. Bei einer der Begegnungen wurde nach Aussage der Frau das Kondom beschädigt. Trotzdem gab es in den folgenden Tagen wenige oder gar keine Anzeichen für Spannungen zwischen den beiden, wie mehrere Personen sagten.

Wenige Tage später lernte Assange eine weitere Frau kennen, die in Gerichtsakten als 'Frau W.' bezeichnet wird. Nach einem Bericht der Zeitung 'Daily Mail' war sie von Assange bei einem Seminar so fasziniert, dass sie nach der Veranstaltung auf ihn wartete und von ihm und seinen Begleitern zum Essen eingeladen wurde. Einen Tag nach dem ersten Treffen übernachtete Assange demnach in der Wohnung von W. - etwa 45 Minuten von Stockholm entfernt. W. habe ihm den Fahrschein bezahlt, weil der 39-Jährige kein Bargeld bei sich gehabt habe und seine Kreditkarte aus Angst vor Verfolgern nicht habe benutzen wollen. An diesem Abend hatten die beiden nach Aussage von Vertrauten Assanges geschützten Verkehr.

Es drohen bis zu vier Jahre Haft

Was am folgenden Morgen geschah, ist demnach nicht ganz geklärt. Assange und W. sollen wieder Sex gehabt haben, diesmal ohne Kondom. Sie sollen freundschaftlich auseinandergegangen sein. W. soll aber zunehmend besorgt gewesen sein, dass sie sich mit einer sexuell übertragbaren Krankheit angesteckt haben könnte. Versuche, Assange zu kontaktieren und ihn zu einer Untersuchung zu bewegen, scheiterten, weil er sein Telefon abgeschaltet hatte. Bei ihren Recherchen kam W. schließlich in Kontakt mit A. Beide sollen sich einig gewesen sein, von Assange eine Untersuchung zu fordern.

Wie eine Person sagte, die den Fall aufmerksam verfolgte, konnten sie Assange schließlich kontaktieren und ihn überzeugen. An diesem Freitagabend seien aber Praxen und Kliniken geschlossen gewesen. W. sei offensichtlich über Assanges ausweichendes Verhalten verärgert gewesen und habe sich entschieden, zur Polizei zu gehen. Ursprünglich wollte sie aber keine Ermittlungen, wie die Person sagte.

Nach einem Bericht der Zeitung 'Guardian' ging A. als moralische Unterstützung mit zur Polizei, wollte aber auch keine Anzeige. Die Aussagen der Frauen wurden an einen diensthabenden Staatsanwalt weitergereicht, der noch am selben Abend einen Haftbefehl wegen Vergewaltigung erwirkte. Am nächsten Morgen wurde diese Entscheidung von einem anderen Staatsanwalt zurückgenommen. Er entschied, das Verfahren unter dem Vorwurf der Belästigung weiterzuführen. In den folgenden Tagen deutete die Staatsanwaltschaft an, das Verfahren schnell abschließen zu wollen. Eine Einstellung schien wahrscheinlich.

Bewegung kam in den Fall, als W. und A. den prominenten Anwalt und sozialdemokratischen Gleichstellungspolitiker Claes Borgström engagierten. Er setzte sich dafür ein, dass der Vorwurf der Vergewaltigung nicht fallengelassen wird. Eine der ranghöchsten Staatsanwältinnen Schwedens, Marianne Ny, geht ebenfalls von Vergewaltigung aus. In einem minderschweren Fall - wie er Assange vorgeworfen wird - drohen in Schweden bis zu vier Jahre Haft.

Noch gibt es keine Anklage gegen den Wikileaks-Chef. Die Behörden wollen seine Auslieferung erreichen, um ihn zu befragen. Ein Gesprächspartner Assanges, der im August Kontakt zu ihm hatte, sagte, der 39-Jährige habe damals von dem Wunsch der Behörden gewusst. Er reiste demnach aber aus Schweden aus, um genau den Medienrummel zu vermeiden, den es jetzt gibt.