Die Vereine sollten nicht für Polizeieinsätze bezahlen müssen

© dpa, A3386 Uli Deck

17. Mai 2017 - 10:21 Uhr

Ein Kommentar von Ulrich Vonstein

Die Bremer Politik hat einen interessanten Vorstoß, gewagt der nun heftig diskutiert wird. Weil der Bremer Stadtstaat seit Ewigkeiten unsolide handelt – woher stammt eigentlich der Ruf der Bremer als solide Kaufleute? – haben die Hanseaten ein neues Sparpotential ausgemacht und sich dafür ein populistisches Ziel gesucht: den Fußball, liebster Sport der Deutschen nicht erst seit dem Gewinn der Weltmeisterschaft.

Zahlt die Atomindustrie etwa für die Bewachung der Castor-Transporte?

Es geht um die hohen Kosten, die Polizeieinsätze verursachen, wie es sie leider am Rande von Sportveranstaltungen immer wieder gibt. Als erstes Bundesland will Bremen den Fußball für Polizeieinsätze bei Hochsicherheitsspielen zur Kasse bitten.

Seitdem tobt eine heftige Debatte, ob die Bremer Maßnahme gerechtfertigt ist. Meiner Ansicht nach ist sie es nicht, denn für das Problem – Gewalt – ist nicht der Fußball verantwortlich. Weder Werder Bremen noch die Deutsche Fußball-Liga können etwas dafür, wenn aus Hannover prügelwillige Vollidioten an die Weser fahren, um sich dort mit Bremer Schwachköpfen zu treffen, um sich gegenseitig was auf die Schnapsnasen zu hauen. Und im schlechtesten Falle noch friedliche, unbeteiligte Fußball-Fans belästigen und in ihre Scharmützel hineinziehen.

Dass dies geschieht, ist bedauerlich, aber leider lediglich Ausdruck einer gesellschaftlichen Entwicklung. Und in keinem gesellschaftlichen Bereich ist es in Deutschland üblich, die Kosten für Polizeieinsätze auf Veranstalter oder andere, im weiteren Sinne auslösende Organisationen abzuwälzen. Oder zahlt etwa die Atomindustrie für die gewaltige Truppenstärke, mit der Polizisten die Giftzüge mit den Castoren schützen müssen? Zahlen autonome Gruppen für die Einsätze, die in Hamburg oder Berlin in den Nächten zum 1. Mai das Schlimmste verhindern sollen? Diese Kette ließe sich fortsetzen, ohne ein Beispiel dafür zu finden.

Es gibt zuviel Gewalt - in fast allen Lebensbereichen

ARCHIV - Mehrere Polizisten sichern am 20.09.2014 beim 181. Münchner Oktoberfest auf der Theresienwiese in München (Bayern) eine Kreuzung. Foto: Marc Müller/dpa (zu dpa "Terror-Sorgen: München holt mehr Sicherheitsleute auf Wiesn" vom 12.04.2016) +++
Auch auf Volksfesten wie der Münchner Wies'n kommt es häufig zu Gewalt, Polizeipräsenz hier ist selbstverständlich.
© dpa, Marc Müller

Daher rührt mein Eindruck, dass sich hier die Politik - wie so häufig – auf Kosten einer beliebten Sache, in dem Falle Fußball, ins Gespräch bringen und bei einer gewissen Klientel punkten will. Schon häufiger wurde der Versuch unternommen, den Fußball wegen einer verschwindend geringen Minderheit in Misskredit zu bringen, um deswegen die Abschaffung von Stehplätzen oder flächendeckende Leibesvisitationen von Stadionbesuchern zu fordern.

Zudem drängt sich mir die Frage nach der praktischen Umsetzbarkeit auf. Denn - Achtung, Brüller - MIT SICHERHEIT käme irgendein kostenoptimierendes Verwaltungsgenie auf die grandiose Idee, in überdimensionierten Polizeieinsätzen eine feine, neue Einnahmequelle für chronisch klamme öffentliche Kassen zu sehen.

Damit wir uns richtig verstehen: Ich will nicht das Problem kleinreden oder wegdiskutieren. Es gibt Gewalt im Umfeld von Fußballstadien, es gibt Ausschreitungen. Aber die gibt es auf auch Schützenfesten, auf dem Oktoberfest, auf der Cranger Kirmes oder, oder, oder. Dennoch käme kein Politiker auf die Idee, die Kosten der Massenschlägerei auf dem Pfarrfest in Posemuckel der Kirche in Rechnung zu stellen. Beim Fußball hingegen scheint dies manchem recht und billig.

Dabei stellt sich gerade bei Fußballspielen oft die Frage, ob die Polizei mit ihrem teilweise übertrieben martialischen Auftreten nicht eher den Nährboden dafür legt, dass Situationen aus dem Ruder laufen. Wer einmal erlebt hat, wie mehrere Hundertschaften in Kampfanzügen ein Regionalligaspiel mit 2.500 Zuschauern "schützen", der macht sich schon seine Gedanken zum Thema Verhältnismäßigkeit.

Es gibt zuviel Gewalt, in vielen, fast allen Lebensbereichen. Wenn dies der öffentliche Raum, also alles außerhalb des Fußballstadions ist, muss die Polizei die Bürger schützen. Und die Bürger, wir Steuerzahler, müssen für die Kosten aufkommen. So einfach ist das. Etwas anderes ist es im Stadion. Dieser Diskussion muss sich "der Fußball" schon stellen. So wie es unsere französischen Nachbarn handhaben – dort ist keine Polizei im Stadion, sie kommt nur auf Aufforderung. Was dann derjenige zu bezahlen hat, der sie rief.

Aber der Bremer Ansatz ist ein anderer: Mit billigem Populismus teure Einsatzkosten abwälzen. Das finde ich nicht in Ordnung, denn es ändert nichts, aber auch gar nichts am Problem. Dies ist ein gesellschaftliches und kann nur von der Gesellschaft gelöst werden.