Ein etwas anderer Krimi

"Die Toten ruhen nicht" von Ruth Rendell im Check: In der Ruhe liegt die Kraft

"Die Toten ruhen nicht" von Ruth Rendell
"Die Toten ruhen nicht" von Ruth Rendell
© (c) Verlagsgruppe Random House GmbH, Muenchen

25. Oktober 2021 - 11:51 Uhr

Bei Ruth Rendell braucht Spannung keine Täterjagd

So kann man es natürlich auch machen: Im ersten Kapitel direkt alles erzählen, den Täter benennen, Tathergang, Tatumstände und das Motiv offenlegen und schildern, wie die Leichen beseitigt werden. Ruth Rendell kann sich das erlauben, denn eine ihrer vielen Stärken liegt darin, eine Geschichte zu erzählen, die es nicht nötig hat, ihre Spannung aus der Aufklärung eines Verbrechens heraus zu entwickeln. Vielmehr nimmt sie das Entdecken dieses Verbrechens nach 60 Jahren als Ausgangspunkt, ein Drama zu spinnen, das eine Handvoll Menschen, die am Ende ihres Lebensweges stehen, nochmal gehörig aus der Bahn wirft.

Von Tobias Elsaesser

Worum geht es?

London, gegen Ende des zweiten Weltkriegs: Vier Kinder entdecken in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft einen Tunnel, der zu ihrem Geheimversteck wird, bis im Sommer 1944 einer der Väter davon erfährt und ihnen das Spielen dort verbietet.
Sechs Jahrzehnte später: Bauarbeiter finden in einer Blechkiste zwei skelettierte Hände – eine stammt von einem Mann, die andere von einer Frau. Die Entdeckung lässt die Freunde von damals wieder zusammenkommen, um der Polizei unter die Arme zu greifen. Möglicherweise haben sie damals etwas gesehen, was ihnen nicht wichtig erschien. Nach und nach kommt ein lang zurückliegendes Verbrechen ans Licht, in das sie tiefer verwickelt sind, als sie es jemals für möglich gehalten hätten …

(Klappentext)

Es ist nie zu spät, Herausforderungen anzunehmen

Die Freunde von damals haben sich größtenteils aus den Augen verloren, doch die Entdeckung der Hände führt sie wieder zusammen. Mit der Zeit werden immer mehr Erinnerungen an die Kindheit wach – und lang verdrängte Gefühle, die alle Beteiligten ihr Leben überdenken lassen. Sie treffen Entscheidungen, die sie zwingen am Ende ihres Lebens lang bewährte Komfortzonen zu verlassen – mit ungeahnten und teilweise extremen Konsequenzen. Und irgendwann kommt jeder zu der Erkenntnis: "All das war geschehen […] weil ein Bauarbeiter zwei Hände in einer unter einem Haus vergrabenen Keksdose gefunden hatte."

Tod und Vergänglichkeit sind in "Die Toten ruhen nicht"* allgegenwärtig, aber dennoch ist es ein Plädoyer für das Leben. Es ist nie zu spät, Herausforderungen anzunehmen, auch wenn man zunächst an ihnen zu verzweifeln scheint, man kann immer noch wachsen.

Das ist nun nicht gerade das typische Krimithema, und es lässt sich sicher trefflich darüber streiten, wie viel Krimi wirklich in dem Buch steckt. Aber letztlich ist es ein Verbrechen, das diese Geschichte ins Rollen bringt. Das vorletzte Buch, das Ruth Rendell geschrieben hat, und das letzte, das zu ihren Lebzeiten erschienen ist, ist ein ruhiges und nachdenkliches Buch. Und in dieser Ruhe liegt seine Kraft.

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