Die Räuberpistole von Perugia

RTL Reporter Udo Gümpel bloggt aus Rom
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31. Januar 2014 - 15:22 Uhr

RTL Reporter Udo Gümpel bloggt aus Rom

Selten hat es einen Prozess in Italien gegeben, der so ein weltweites Aufsehen erregt hat wie dieser: Der Prozess um den Mord an der britischen Studentin Meredith 'Mez' Kercher in der Nacht nach Halloween 2007 in Perugia. Nur Berlusconi ruft noch mehr Medienpräsenz auf den Platz - mit dem Unterschied, dass Berlusconi sich nicht den Prozess machen lässt. Er kann das verhindern, normale Menschen nicht.

Vor zwei Jahren war der Fall sonnenklar: Die bildhübsche, blutjunge und verruchte amerikanische Studentin Amanda Knox übernahm die Rolle des "Engel mit den Eisaugen" - zusammen mit ihrem römischen Freund Raffaele Sollecito. Die Beiden hatten sich erst wenige Tage vor dem Delikt kennen gelernt und verbrachten schon die ersten Nächte zusammen, woran der Kriminologe natürlich sofort die tiefe moralische Verwahrlosung der beiden Jungstudenten erkennen konnte. Diese Beiden klar als mutmaßliche Täter zu identifizieren war offensichtlich reine Formsache. Diese beiden dunklen Gestalten, wenngleich schönen Körpers - aber wie oft verbirgt sich das Böse hinter einem schönen Gesicht - taten sich mit einem Afrikaner aus dem dunkelsten Teil des Kontinents zusammen, den wir natürlich wegen der unsinnigen Regeln politischer Korrektheit nicht nach seiner Hautfarbe benennen dürfen, und versuchten dem Mädchen zuerst Gewalt anzutun, um es dann mit 40 Messerstichen zu töten, wobei der Italiener dem Mädchen die Beine festhielt, der Afrikaner versuchte, sie zu vergewaltigen und die Amerikanerin dem Opfer von hinten mit Messer die Kehle durchschnitt.

So weit der Roman, wie ihn die Staatsanwaltschaft von Perugia dem Landgericht in erster Instanz überzeugend erzählt - heute dürfen wir sagen angedreht - hat.

Amandas Traum: "Zu Thanksgiving wieder zu Hause sein, in Seattle!"

Von der großartigen Erzählung ist heute, gegen Ende des Appellationsprozesses vor dem Schwurgericht von Perugia, nichts mehr übrig geblieben. Einzig der Afrikaner Rudy Guede hat den Schuldzuspruch akzeptiert, seine Schuld im Prinzip eingestanden. Aber das schien der Staatsanwaltschaft nicht zu reichen. Was - nur ein Täter? Wo blieb denn da die ganze 'Sex-and-Crime-Story'? Sollte es gar auf einen banalen Raubmord mit versuchter Vergewaltigung durch einen Afrikaner herauslaufen? Was nicht sein kann, das nicht sein darf.

Guede sah das anders: Er nahm seine Schuld sofort an. Das darf man mit Fug und Recht behaupten, denn er ließ sich auf einen Handel mit der Staatsanwaltschaft ein. Im Gegenzug für ein Eilverfahren wurde sein Strafmaß der ersten Instanz von 30 Jahren auf 16 Jahre im endgültigen Urteil abgesenkt. In anderen Worten: In etwa sechs bis acht Jahren kann er auf Bewährung aus dem Gefängnis und sich dann in seine Heimat abschieben lassen. Guede hatte dabei gar keine Wahl. Seine DNA-Spuren waren reichhaltig und selbst für die geringen Standards der Polizeitechniker von Perugia nicht zu übersehen. Er versuchte, Amanda Knox in den Fall hineinzuziehen, als er von "Schemen von Amanda Knox" sprach, den angeblich aus dem Haus habe huschen sehen, nach dem Delikt, welches er selber nur als unbeteiligter Zuschauer auf der Toilette mitgehört haben will.

An Schemen und Schatten ist diese Räuberpistole von Perugia kaum noch zu überbieten. Einer von denen, die Schatten sehen, ist Antonio Curatolo, ein Wohnungsloser, der eingestandenermaßen nebenbei als Heroindealer lebt, der Amanda Knox und Raffaele Sollecito in der Nähe des Tatortes gesehen haben will. Nur leider entspricht seine Beschreibung der Tatnacht der Nacht vor dem Delikt, Halloween. Einen Tag vor der Mordnacht kann er wohl nur Schatten gesehen haben.

Die allergrößten Schatten aber fallen über die Ermittlungsarbeit der Kriminaltechniker der Karabinieri, die die Ermittlungen über die DNA-Spuren am Tatmesser und auf einem BH-Haken durchgeführt haben, welcher zweifelsfrei die Anwesenheit von Raffaele Sollecito und Amanda Knox am Tatort beweisen sollte.

Das Appellationsgericht folgte einem Antrag der Verteidigung und bat zwei absolute Spitzen-Experten von der Uni Rom um eine neuerliche rechtsmedizinische Untersuchung: Ein Offenbarungseid der Kriminaltechniker der Karabinieri war das Ergebnis. Am vermeintlichen Tatmesser hatte sich niemals Blut vom Opfer Meredith Kercher befunden, sondern nur Roggenmehl, welches die Karabinieri für Blut gehalten hatten, Amanda Knox hatte wohl eine Scheibe Roggenbrot in der Küche von Raffaele geschnitten: Eine Vorliebe, übernommen von ihrer deutschen Großmutter. Auch die vermeintlichen DNA-Spuren von Raffaele und Amanda auf dem BH-Haken des Opfers sind nun keine mehr: "Es gibt keine solchen Spuren, und wenn es geringe Rest-DNA gibt, dann ist sie durch die Verunreinigung im Labor und den unsachgemäßen Umgang mit dem Haken" entstanden, urteilten die Gerichtsexperten. Ein Schlag ins Gesicht für die Staatsanwaltschaft Perugia. Und dann der Knock-Out: Das Mordzimmer sei viel zu klein für vier Personen, der Mord hätte gar nicht so stattfinden können, wie ihn die Staatsanwaltschaft und das Gericht der ersten Instanz annahmen.

Ein Freispruch für Amanda Knox und Raffaele Sollecito ist nun mehr als wahrscheinlich geworden, der Anklage sind einfach die Beweisstücke abhanden gekommen.

Natürlich liegt immer noch ein Schatten auf Amanda Knox. Die falschen Beschuldigungen, die sie gegen den Afrikaner Patrick Lumumba erhoben hat, für die sie auch zu 40.000 Euro Schmerzensgeld wegen Rufmords verurteilt worden ist und zu einem Jahr mehr Gefängnis als Raffaele Sollecito.

Aber wissen wir genau, was wirklich mit der damals 21-jährigen Studentin, die sich erst seit wenigen Wochen in Italien befand, in den Vernehmungszimmern der Polizei geschah, als man ihr den Schlaf entzog, sie einem Dauerverhör unterzog? Welchem psychologischen Druck sie ausgesetzt war, als ihre Position plötzlich von der Zeugin ohne anwältlichen Beistand zur Verdächtigen wechselte? Wenn der Druck auf den Polizisten lastet, schnell einen Schuldigen zu präsentieren, dann ist nichts unmöglich.

Amanda Knox möchte nun nichts anderes mehr als so schnell wie möglich nach Hause zurück: "Zu Thanksgiving wieder zu Hause sein, in Seattle!" - nach vier langen Jahren in einem italienischen Gefängnis. Ein Freispruch ist in denkbare Nähe gerückt, doch ob die italienischen Behörden ihr die Ausreise noch vor der dritten Instanz, dem Kassationsgericht, gestatten werden, ist wiederum fraglich. Im schlimmsten Falle müsste sie noch ein Jahr in Italien bleiben, aber dann in jedem Falle als freier Mensch.