"Die Nationalmannschaft ist längst nicht mehr deutsch" - Was Gauland sagt, ist einfach falsch

04. Juni 2016 - 9:43 Uhr

Ein Kommentar von Ulrich Vonstein

Alexander Gauland zündelt weiter. Das reichliche Medienecho auf seine Äußerung über den Nationalspieler Jerome Boateng hat den Populisten offensichtlich auf die Idee gebracht, dass die Fußball-Nationalmannschaft ein lohnendes Ziel seiner Attacken sein könnte, zumindest eines, das Aufmerksamkeit bringt. Jetzt sagte er dem 'Spiegel', dass die "Nationalelf schon lange nicht mehr deutsch" sei. Da stellt sich mir die Frage, welche Nationalmannschaft denn jemals so deutsch war, dass sie den Kriterien eines Herrn Gauland genügt. Vielleicht die Elf, die das "Wunder von Bern" vollbrachte und deren Namen viele Menschen seiner Generation bis heute auswendig heruntersagen können? Wenn man dies gemäß der Aufstellung tut, ist der vierte Name Jupp Posipal. Der Mittelläufer wurde in Lugoj geboren, einem Ort, der Herrn Gauland vielleicht nicht geläufig ist. Könnte daran liegen, dass er in Rumänien liegt.

Vielleicht sind Gauland aber auch unsere 74-er-Weltmerister lieber. In dieser Mannschaft stand ein gewisser Rainer Bonhof. Was viele nicht wissen: Als der zum ersten Mal für eine deutsche Auswahl kickte, war er noch niederländischer Staatsbürger. Zum Glück hatte wenigstens Franz Beckenbauer 1990 eine Mannschaft zusammengestellt, die auch nach Gauland-Gesichtspunkten als komplett "deutsch" durchginge...

Wir sind seit jeher ein Einwanderungsland

Khedira, Boateng, Özil
Die deutschen Fußballnationalspieler und Weltmeister Sami Khedira, Jerome Boateng und Mesut Özil.
© dpa, Andreas Gebert

Bei der jüngsten Weltmeisterschaft sah dies anders aus. In fast jeder Sportart steht in der nationalen Auswahl mindestens ein Akteur, dessen Eltern oder Großeltern einen Migrationshintergrund haben. So wie das auch in ganz vielen Betrieben, Kindergärten, Schulen, Siedlungen, einfach in allen Lebensbereichen der Fall ist. Auch wenn es Leuten wie Gauland und Gesinnungsgenossen nicht schmecken mag: Das ist kein Phänomen unserer Zeit. Wir sind seit jeher ein Einwanderungsland. Von den fleißigen Malochern, die das Ruhrgebiet groß gemacht haben, kamen viele nicht aus Deutschland, die Namen vieler "Ruhrpolen" wie Szepan, Kuzorra und Tibulski sind übrigens auch Fußballern geläufig. Ein gewisser Schimanski wurde zu einer der populärsten Figuren, die das deutsche Fernsehen je hervorgebracht hat.

Weitere Fragen stellen sich mir: Wäre das deutsche Wirtschaftswunder nach dem Krieg ohne Gastarbeiter überhaupt möglich gewesen? Bestimmt nicht in dieser Form. Gehört die italienische Eisdiele zu unserem Land? Naturalmente! Und die Pizza erst! Wie der Döner übrigens auch. Und der Nachbar aus dem Iran, die nette Verkäuferin aus Kirgisistan und der Obsthändler aus Pakistan sowieso.

Nochmal zurück zum Fußball: Vor kurzem veröffentlichte Nationalspieler Mesut Özil ein Foto von sich, das ihn auf seiner Pilgerreise nach Mekka zeigt. "Sehr gewöhnungsbedürftig" für seine Partei findet Gauland das. Ich finde ja, dass der Glaube Privatangelegenheit ist. Ferner bin ich der Ansicht, dass Mesut Özil durch sein Auftreten wie auch seine sportlichen Leistungen in Spanien (wo er früher spielte) und jetzt in England mehr für das Ansehen Deutschlands tut als populistische Politiker. Und gewöhnungsbedürftig ist für mich viel mehr, dass eine Partei, deren Spitzenfunktionär öffentlich solche Thesen vertritt, in Deutschland auf zweistellige Wahlergebnisse kommt. Hoffentlich ist dieser Spuk bald wieder vorbei, denn daran möchte ich mich nicht gewöhnen!