Die Lukaschenko-Show: Prunk und Spiele in Weißrussland

Die junge Bevölkerung bekommt von Lukaschenko kleine Freiheiten, die ein Leben wie im Westen vorgaukeln.

2. Oktober 2012 - 8:13 Uhr

Während Lukaschenko baut, schaut das Volk in die Röhre

In Minsk wird gebaut. Nicht unbedingt an der Demokratie, aber am Aussehen der Stadt. Überall schießen Hochhäuser in den Himmel. Die werden in erster Linie von den Besserverdienenden bewohnt werden. Appartements mit Aussicht, luxuriös und richtig teuer.

Wer es in Weißrussland zu etwas bringt, der muss hinter der Politik des Präsidenten stehen – reich von Lukaschenkos Gnaden. Doch der Reichtum ist – wie so oft – nur wenigen vorbehalten. Die meisten Weißrussen haben wenig zum Leben. Angesichts der auch in Weißrussland steigenden Energie- und vor allem Lebensmittelpreise ist das Überleben nicht gerade einfacher geworden.

Doch das Leben der normalen Bürger ist dem starken Mann im Staate nicht viel wert. Viel lieber setzt sich Lukaschenko ein Denkmal nach dem anderen. Auf der Fahrt vom Flughafen in die Stadt kommt man unweigerlich an der neuen Nationalbibliothek vorbei, einem Prunkbau im sozialistischen Stil, der nachts in den tollsten Farben leuchtet. Hunderttausende Lampen zaubern Formen, Farben und Schriftzüge in stetigem Wechsel an die Außenwand des riesigen Klotzes.

Für Alina R. (Name von der Redaktion geändert) ein untragbarer Zustand. "Nebenan haben die Leute Schwierigkeiten, die Stromrechnung zu zahlen und hier wird das Geld nur so verpulvert", sagt die pensionierte Lehrerin in Minsk zu RTLaktuell.de.

Alina erhält 250 Euro Rente im Monat. Bei ähnlich hohen Lebensmittelpreisen wie in Deutschland geht mehr als die Hälfte der Rente alleine für das Essen über die Ladentheke. Einmal im Leben ein eigenes Auto zu steuern wird für Alina ein Traum bleiben. Damit sie nicht hungern muss, baut sie in ihrer Datscha weit außerhalb der Hauptstadt etwas Obst und Gemüse für den Eigenbedarf an.

Lukaschenko sagt: „Ich brauche keine Partei, die Partei ist das Volk“

Rentner wie Alina sind Lukaschenko egal. Jeder sei selbst verantwortlich für seine spätere Rente, sagte er kürzlich. Und der Alleinherrscher kann sicher sein: Von den Alten droht ihm keine Gefahr. Sie sind es gewohnt zu tun, was man ihnen sagt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und den chaotischen ersten Jahren nach der weißrussischen Unabhängigkeit schlitterte das Land in eine neue autoritäre Herrschaft. Wenn Lukaschenko seinem Volk "empfiehlt" wählen zu gehen, dann gehen die Alten wählen. Es herrscht nicht gerade ein Klima des Austauschs und der Diskussion in Weißrussland.

Vor der jungen Bevölkerung hat Lukaschenko mehr Widerstand zu erwarten. Deshalb erhält sie kleine Freiheiten, die ihr ein Leben wie im Westen vorgaukelt. "Jedes Jahr eröffnet hier ein McDonalds. Jetzt sind es schon sieben Stück allein in Minsk", sagt Alina. Es gibt auch viele Kinos, in denen nicht nur Propaganda-Filme laufen. Jennifer Lopez hat auf ihrer Welttournee Station in Minsk gemacht, demnächst kommen die Scorpions. Wind of change? Kaum.

Denn Lukaschenko nutzt auch sportliche Erfolge wie zuletzt bei den Olympischen Spielen oder die Siege des aufstrebenden Fußballklubs BATE Borissow aus der Minsker Vorstadt, um das Nationalgefühl im Land zu steigern. Dafür nutzt er seine ganz eigene Sprache, mit der der Präsident sein Volk umarmt, um nicht zu sagen erdrückt. "Er sagt, ich brauche keine Partei, meine Partei ist das Volk", erzählt Alina, die sich nur im Auto wirklich sicher und unbeobachtet fühlt.

Lukaschenko tritt nach dem Motto "Der Staat bin ich" auf. Auch der Erfinder dieses Spruches, der berühmte Sonnenkönig Louis XIV., lebte prächtig auf Kosten des Volkes und setzte sich das ein oder andere Denkmal. Der 58-jährige Lukaschenko ist der einzige starke Mann im Staate, die staatlichen Medien setzen ihn geschickt in Szene. Als Übervater, als Kümmerer. Er holte die Eishockey-WM 2014 gegen alle internationalen Bedenken nach Minsk. Eishockey ist neben Fußball Nationalsport in Weißrussland, Dynamo Minsk ein nationales Heiligtum.

Und wenn es mal nicht so rund läuft, kann sich Lukaschenko auf seine 'Men in Black' verlassen: Sein Polizeiapparat und seinen Geheimdienst. "Das ehemalige KGB-Gebäude umfasst einen ganzen Straßenblock", sagt Alina. Man kann sicher sein, der nächste Geheimdienstler ist nie weit weg. Sie mischen sich unter Menschengruppen, stehen an der Bushaltestelle, unterbinden Massenaufläufe und Demonstrationen. Und wenn es hart auf hart kommt, werden die 'Special Forces' eingesetzt, die nichts anderes sind als Schlägertrupps im Polizeigewand.

Und während Oppositionelle gnadenlos abgeurteilt werden und im Gefängnis verschwinden oder sich ins Ausland absetzen, wachsen im Zentrum der Stadt die neuen schönen Appartements für die Besserverdienenden, die im Regime des letzten europäischen Diktators gute Geschäfte machen. Damit es den Neureichen nicht langweilig wird, gibt es genügend Casinos und Stripbars, in denen sie ihre Rubel verjubeln können. Damit auch die Armen etwas von dem vielen Geld im Land haben, werden die herrschaftlichen Häuser auf dem prächtigen Nezavisimosti Prospekt abends schön beleuchtet.