2016 M05 4 - 15:18 Uhr

Zu viel Arbeit für zu wenige Hebammen

"Kinder zur Welt bringen, ist das Schönste, was es gibt", sagt meine Freundin Miriam. Gewagte These, denke ich. Sie, die es wissen muss, hat nach dem Abitur eine Ausbildung zur Hebamme gemacht. Seit Oktober 2014 ist sie fertig. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn sie hat den Job zumindest vorerst gegen ein thematisch anders orientiertes Studium getauscht. Sie studiert jetzt Soziale Arbeit. Weshalb hört sie damit auf, wo es doch das Schönste der Welt ist? Das ist ihre traurige Antwort und ein Beispiel für explodierende Versicherungskosten und Ungerechtigkeit.

Von Romina Lammers

Knappheit von verfügbaren Geburtshilfen

Sie sind bei einer Geburt diejenigen, die sich auch um die Gefühle und Unsicherheiten von werdenden Mamas kümmern. Ein Berufsbild, das von Mamas geschätzt und von der Bundesregierung offenbar unterschätzt ist. Der Widerspruch von Angebot und Nachfrage fängt schon bei der Ausbildung an. Einen Ausbildungsplatz im Hebammenwesen zu ergattern ist kein Leichtes. Es gibt derzeit 62 beim Verband gelistete Hebammenschulen in Deutschland und dementsprechend wenige Ausbildungsplätze. Gleichzeitig ist es so, dass Hebammen nicht selten drei oder mehr Frauen gleichzeitig bertreuen. Fazit: Es herrscht eine Knappheit von verfügbaren Geburtshilfen. Zu viel Arbeit für zu wenige Hebammen – ein klares Ungleichgewicht.

Jede Frau hat Anspruch auf eine Hebamme

Dazu kommt noch, dass Schwangere, die Zuhause entbinden möchten, selbstständige Hebammen suchen, die sich um Vor- und Nachsorge sowie Entbindung kümmern. Eine zu finden, die Zeit für die Betreuung hat, ist schwierig. Viele wissen sogar nicht, dass jede Frau einen Anspruch auf die Geburtshilfe hat. Im fünften Sozialgesetzbuch ist dies unter §24d vermerkt: "Die Versicherte hat während der Schwangerschaft, bei und nach der Entbindung Anspruch auf ärztliche Betreuung sowie auf Hebammenhilfe einschließlich der Untersuchungen zur Feststellung der Schwangerschaft und zur Schwangerenvorsorge; (…) bis zum Ablauf von zwölf Wochen nach der Geburt, weitergehende Leistungen bedürfen der ärztlichen Anordnung."

Außerdem darf die Frau den Ort, an dem sie das Kind bekommen möchte, aussuchen. So steht es unter dem Punkt 'Entbindung' im Sozialgesetzbuch desselben Paragraphen: "Die Versicherte kann ambulant in einem Krankenhaus, in einer von einer Hebamme geleiteten Einrichtung, in einer ärztlich geleiteten Einrichtung, in einer Hebammenpraxis oder im Rahmen einer Hausgeburt entbinden."​

Hebammen sehen das Gesetz auf die freie Wahl des Geburtsortes jedoch gefährdet. Hausgeburten können immer seltener angeboten werden, da diese Dienstleistung eine Hebamme hohe Haftpflichtversicherungskosten abverlangen und damit die Freiberuflichkeit finanziell kaum tragbar machen.

Miriam hat die Achterbahnfahrt Hebammenausbildung hinter sich (gelassen) – mit allen Höhen und Tiefen, Hoffnungen und Enttäuschungen.