Haben wir die Shopping-Lust verloren?

Die große Corona-Abrechnung: So hat sich unser Einkaufsverhalten verändert

05. Juni 2020 - 21:34 Uhr

Die Geschäfte sind offen, aber keiner geht hin

Seit gut einer Woche darf in Deutschland wieder nach Lust und Laune eingekauft werden – aber kaum jemand geht hin. Die Deutschen haben offenbar die Freude am Konsum verloren. Laut einer Studie von McKinsey bleibt fast jeder zweite zu Hause, obwohl die Geschäfte geöffnet sind. Und auch Messungen mit Lasern haben gezeigt, dass in den Innenstädten nur noch etwa halb so viele Menschen unterwegs sind wie vor der Krise. Wir haben Familie Stegemann und Familie Hirschfeld begleitet und zeigen im Video, wie Corona das Einkaufsverhalten der Familien verändert hat.

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Den Einen fehlt das nötige Kleingeld, die Anderen nervt die Maske

Alexandra Stegemann ist Model und Fotografin, hat wegen Corona kaum noch Aufträge. Sie und ihr Mann mussten Arbeitslosengeld beantragen und werden in den kommenden Wochen und Monaten das Geld zusammenhalten müssen.

Aber auch die Hirschfelds, die finanziell eigentlich aus den Vollen schöpfen könnten, gehen weniger einkaufen. Mama Kerstin hätte zwar eigentlich Lust zu shoppen, "aber mit Maske, das ist einfach nichts für mich".

Das passt genau zur Analyse von Wirtschaftspsychologin Petra Jagow, die für das zurückhaltende Kaufverhalten der Deutschen folgende drei Hauptgründe nennt:

  1. "Viele haben jetzt zu Hause ausgemistet und gemerkt, wie viel sie eigentlich noch haben."
  2. "Mit Mundschutz shoppen macht einfach weniger Spaß."
  3. "Viele müssen jetzt sparen."

Shoppen als Freizeitbeschäftigung ist out

41 Prozent der Deutschen sagen in der Studie von McKinsey, dass sie auch in Zukunft weniger einkaufen wollen. Aber kann es wirklich sein, dass Corona unser Konsumverhalten nachhaltig verändert? Jahrzehntelang war das schließlich die liebste Beschäftigung vieler Deutscher: An einem freien Tag ins Outlet oder in die nächste Innenstadt, um mit den Freundinnen zu bummeln.

Dieses "Social Shopping", sagt Psychologn Jagow, "das fällt jetzt erst mal weg." Viele gehen dafür lieber spazieren oder radfahren. Und außerdem hat der Lockdown die Interessen verändert: "Marken und Statussymbole, das brauche ich eigentlich alles nicht", sagt Alexandra Stegemann. Viel wichtiger als ein ausgewählter Kleiderschrank sei ihr sowieso der neue Schulranzen ihrer Tochter und in Zukunft auch mal ein schöner Urlaub.

Eine ganz typische Reaktion, sagt Jagow: "Viele haben jetzt auch gemerkt, wie schnell sich plötzlich alles verändern kann. Und die werden auch Dinge von ihrer Bucket List streichen wollen."

Psyochlogin: „Wir werden eine stärkere Spaltung haben“

Das Problem an der Sache: Die Entwicklung ist nicht einheitlich. Petra Jagow geht davon aus, dass nur die Menschen, die die Krise direkt getroffen hat, nachhaltig etwas ändern: "Wir werden eine stärkere Spaltung als zuvor haben. Wir werden Menschen haben, die sich auch weiterhin was leisten können und das auch gerne ausleben und wir werden welche haben, die sich noch weniger leisten können. Und die in der Mitte, die werden kämpfen müssen, um ihren Standard zu halten."

Für Familien mit Kindern kann das besonders hart sein, schließlich vergleichen sich die Kinder viel und merken sofort, wenn der Euro plötzlich nicht mehr ganz so locker sitzt. Hier empfiehlt Jagow das offene Gespräch: "Eltern sollten ihren Kindern die Situation ganz transparent erklären, dann können die auch damit umgehen."

Einzelhandel muss sich neu erfinden

Insgesamt gehen Experten davon aus, dass sich die Menschen jetzt erst mal genau überlegen werden, was sie wirklich brauchen. Und das bringt auch für die Wirtschaft große Veränderungen mit sich. Schließlich ist die darauf angewiesen, dass wir ständig neue Produkte kaufen. Petra Jagow ist sich sicher: "Da werden wir Veränderungen im Handel sehen, vor allem was den Service angeht". Die Menschen müssten jetzt noch mehr als vorher in die Läden gelockt werden, mit besserer Beratung zum Beispiel. Generell hätten wir jetzt ein ganz neues Gefühl für Wertigkeit bekommen, sagt Jagow.

Familie Hirschfeld zum Beispiel hat gemerkt, dass es eigentlich viel schöner ist, auf dem lokalen Wochenmarkt einzukaufen. Gerade bei Lebensmitteln sieht Petra Jagow einen langfristigen Trend. "Das alles hat den Trend zur gesunden und nachhaltigen Ernährung verstärkt", sagt sie. Und die Wirtschaft, die müsse sich in Zukunft eben mal was Neues ausdenken.