Wie gefährlich ist das Tier wirklich?

Die Angst vor dem "bösen Wolf": Bauernverband kritisiert steigende Zahl von Wolfsangriffen

Wolf
© dpa, Patrick Pleul, hg mg dt lof cat sja

05. August 2020 - 17:43 Uhr

Streit um den „bösen Wolf“

Seit etwa 20 Jahren sind Wölfe zurück in Deutschland. Bei vielen schlagen seitdem die Emotionen hoch: Schäfer beklagen massenhaft gerissene Nutztiere. Naturschützer fürchten die Ausrottung einer ganzen Art. Familien, die in Wolfsgebieten leben, sorgen sich um ihre Kinder. Die Population des Wolfes in Deutschland wächst und sorgt dabei für tief zerstrittene Lager - und: eine oftmals emotionale und nicht immer sachliche Diskussion.

Steigende Zahl von Wolfsangriffen auf Weidetiere

Ein "Alarmsignal" – so bezeichnet der Deutsche Bauernverband die steigende Zahl der Wolfsrisse in Deutschland. "Die Zahl der bei Wolfsangriffen getöteten und verletzten Weidetiere nimmt weiter dramatisch und exponentiell zu, 2019 erneut um 40 Prozent", sagte Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Bauernverbandes. 

Schafe vor dem Wolf schützen
Zäune mit elektrischer Spannung sollen Schafe vor einem Wolfsangriff schützen.
© deutsche presse agentur

Laut der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) wurden 2019 bei 887 Wolfsübergriffen 2.894 Nutztiere verwundet oder getötet. Darunter waren mehr als 2.500 Schafe und Ziegen, aber auch Rinder und Pferde. Für die getöteten Tiere zahlen die Bundesländer den Tierhaltern, sollten sie ausreichende Schutzmaßnahmen getroffen haben, eine Entschädigung – trotzdem fürchten einige Schäfer um ihre Existenz.

Prävention für Familien: Ist der Wolf gefährlich für mein Kind?

Als Vermittler zwischen Mensch und Tier sieht sich Hermann Kück. Er arbeitet seit Jahren als Wolfsberater in Cuxhaven und möchte den Menschen die Angst vor dem Wolf nehmen. Deswegen setzt er auf Vorbeugung und die fängt bei den Kleinsten an: Über das Leben mit dem Wolf hat Hermann Kück mehrere Kinderbücher verfasst. Die Bücher verschenkt er bei Lesungen in Kindergärten und Schulen.

"Es ist so wichtig, dass wir auf Schulen und Kitas zugegangen sind. Ganz am Anfang herrschte eine enorme Emotionalität", erzählt Hermann Kück im Gespräch mit RTL. "Da hieß es: kein Kind mehr auf die Straße und kein Kind mehr in den Wald. Völliger Quatsch. Man muss nur wissen, wie man sich richtig verhält."

So sollten Sie sich verhalten, wenn Sie einen Wolf sehen

Dass der Mensch in der freien Natur auf einen Wolf trifft, ist äußerst selten. Falls es passieren sollte, sollten Sie sich so verhalten:

  • Bleiben Sie gelassen stehen
  • Machen Sie sich bemerkbar – beispielsweise durch klatschen oder rufen
  • Behalten Sie den Wolf im Auge und ziehen Sie sich dann langsam zurück
  • Auf keinen Fall hinterherlaufen oder versuchen Fotos oder Selfies zu machen

Schwierige Nachbarschaft von Mensch und Tier

61 Rudel, zwölf Paare und sechs Einzeltiere – viele davon in Ostdeutschland, aber auch in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen oder Bayern. Diese Bilanz zieht die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (vorläufige Zahlen des Monitoringjahres 2019/2020). Mit der Ausbreitung des Tieres nehmen auch die wolfsverursachten Schäden zu. Der Wolf hat seit Jahren ein schlechtes Image, immer wieder wird vor ihm gewarnt. Eine Gefahr für den Menschen stellt er laut Experten allerdings nicht da.

Wolfsrudel in Deutschland: Schießen oder nicht schießen?

"Es ist so, dass wir in Deutschland wieder lernen müssen – auch in der Weidetierhaltung – mit den Wölfen zu leben", sagt Jochen Flasbarth, Staatssekretär im Umweltministerium, im RTL-Interview. Nach seiner Rückkehr vor rund 20 Jahren stand der Wolf unter dem höchsten Schutzstatus des Bundesnaturschutzgesetzes. Wer Wölfe tötet, dem drohen hohe Strafen. Das wurde Ende 2019 teilweise geändert.

Bundesregierung erleichtert den Abschuss von Wölfen

Wölfe dürfen nun einfacher abgeschossen werden, um Schafe und andere Nutztiere zu schützen. Gegen die Stimmen der gesamten Opposition verabschiedete der Bundestag ein entsprechendes Gesetz, auf das sich die große Koalition nach monatelangem Ringen verständigt hatte. Nun ist ein Abschuss auch dann möglich, wenn unklar ist, welcher Wolf genau zum Beispiel eine Schafherde angegriffen hat. Es dürfen so lange Wölfe in der Gegend geschossen werden, bis es keine Attacken mehr gibt - auch wenn dafür ein ganzes Rudel getötet wird. Die Länderbehörden müssen vorab aber jeden Abschuss einzeln genehmigen.

"Wir müssen zusehen, dass wir guten Herdenschutz wie zum Beispiel Zäune haben. Wenn die Wölfe aber lernen an einzelnen Stellen diese Maßnahmen zu überwinden, dann muss auch eine Entnahme, also letztendlich ein Abschuss erfolgen", erläutert Staatssekretär Jochen Flasbarth.

Hitzige Debatte schürt oftmals unbegründete Ängste

Obwohl er sich täglich mit dem Tier befasst, ist Wolfsberater Hermann Kück in freier Wildbahn noch nie einem Wolf begegnet. Dass Mensch und Wolf in der Natur zufällig zusammentreffen – aus seiner Sicht eher ein "Glücksfall". Bei vielen Menschen sitzt die Angst vor dem Wolf trotzdem tief. Der Wolfsberater ist sich aber sicher: viele dieser Ängste sind unbegründet.

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