Weil sie einen Blutzucker-Mess-Chip am Arm trägt

"Du bist eine Gates-H***" - so pöbeln Corona-Verschwörungstheoretiker eine Diabetikerin an

Eine Frau misst ihren Glukusespiegel mittel Chip und Smartphone-App. (Foto: Symboldbild)
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11. September 2020 - 11:15 Uhr

Mess-Chip am Oberarm erleichtert Kontrolle

Stellen Sie sich einmal vor, dass Sie Diabetikerin sind. Eine häufige Erkrankung, die heutzutage gut in den Griff zu kriegen ist. Viele Hilfsmittel erleichtern das Leben von Diabetikern. Darunter auch Sensoren, die den Blutzuckerspiegel permanent messen und über einen Chip auf der Haut per Handyapp jederzeit messbar machen. Einen solchen Chip trägt Multiple-Sklerose-Patientin und Diabetikerin Ute Kretschmer-Risché auf dem Oberarm. Aber Anfang September musste Ute die Erfahrung machen, dass ein solcher Chip in Zeiten von Corona-Verschwörungstheorien ihr Leben wiederum extrem schwer macht.

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Mal eben an der Supermarkt-Kasse den Blutzuckerspiegel checken

Ute Kretschmer-Risché ist Unternehmerin und lebt in Rastatt. Beim Einkauf in einem Supermarkt musste sie nun erfahren, was es heißt, sich als Diabetikerin die Welt mit Verschwörungstheoretikern zu teilen. Eine äußerst unschöne Erfahrung. Auf Facebook schreibt sie: "Ich bin Diabetikerin. Ich trage am Arm einen Chip. Über eine App kann ich mit der Handykamera meinen Blutzuckerwert ablesen." Genau das tut sie, als sie an der Supermarkt-Kasse steht. Es ist schön warm, sie trägt ein ärmelloses Kleid, also ist der Chip sichtbar.

Einer der Männer raunt: "Du bist eine Gates-Hure!"

Der Blutzuckerspiegel ist gut, sie steckt das Smartphone wieder weg. Doch dann bekommt sie von hinten einen Einkaufswagen in den Hintern gerammt: "Das ist so eine", sagt ein Mann. Sie ist empört und dreht sich um - sieht drei Männer. Einer deutet auf sie: "Schäm dich!", ruft er. "Ich schaue wie ein Ochse. Dann bekomme ich einen Schwall an Beschimpfungen ab. Was bei mir hängenbleibt: Ganz wüstes Verschwörungsgeschwurbel. Mein Chip sei des Teufels." Und dann fällt der Satz: "Du bist eine Gates-Hure." 

Hätte eine Diskussion überhaupt Sinn gehabt?

Ute ist völlig fassungslos. Die Kassiererin sagt nichts und zieht die Waren über den Scanner. "Zu einem Dialog bin ich gar nicht in der Lage. Ich zahle, packe meine Einkäufe und bin froh, als ich im Auto sitze." 

Die Frage ist allerdings: Hätte ein Dialog mit Menschen, die davon ausgehen, dass der Computer-Pionier und Multimilliardär Bill Gates zusammen mit seiner Frau über eine Stiftung die Weltherrschaft anstrebt, indem er das Corona-Virus Sars-Cov-2 in die Welt setzt, die WHO kauft und über durch Zwangsimpfung verabreichte Mikrochips die Gedanken der Menschen steuert und ganz nebenher kleine Kinder unter der Erde versteckt und tötet, um aus deren Blut ein Lebenselexier herzustellen, überhaupt irgendeinen Sinn gemacht? Sicher nicht. 

Jetzt freut sie sich auf kühlere Tage - weil ihr Chip dann verdeckt ist

"Noch immer grübel ich: Wie ich hätte besser reagieren können. Was in denen vorgeht. Und wie gut, dass es kühler ist und meine Kleidung meinen Chip verdeckt. Kranke Typen. QAnon erschreckend nah", fasst sie ihre Stimmung in ihrem Posting zusammen. Richtig traurig ist, dass die Diabetikerin sich dann auf die kühleren Tage freut - denn dann ist ihr Blutzucker-Mess-Chip wieder durch Stoff verdeckt.

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