Exklusives Interview mit dem DFB-Manager

Bierhoff zur Corona-Krise: "Müssen die Zähne zusammenbeißen"

27. März 2020 - 21:52 Uhr

Bierhoff plädiert für Geisterspiele

Oliver Bierhoff glaubt, dass der Fußball in der Corona-Krise eine wichtige Rolle spielen kann und hält Geisterspiele ohne Zuschauer daher "für möglich und sinnvoll". Die Menschen hätten zuhause "mehr Möglichkeiten", nicht nur Fußball, sondern auch andere Sportarten zu verfolgen. "Es gäbe ein bisschen Auflockerung. Ich bin fest davon überzeugt, dass der Sport und gerade der Fußball - und da wollen wir als Nationalmannschaft natürlich auch einen Beitrag leisten - die Atmosphäre und Stimmung im Land wieder etwas anheben können", sagte der Manager der Nationalmannschaft im Interview mit unserer Sportredaktion.

Im Video äußert sich Bierhoff auch zu den Hilfsaktionen vieler Nationalspieler während der Corona-Krise, berichtet von Gesprächen mit Freunden aus dem vom Coronavirus besonders getroffenen Norditalien und sagt, was er sich in nächster Zeit wünscht.

"Preise und Gehälter werden runtergehen"

Bierhoff plädiert auch deshalb für Geisterspiele, damit die Bundesliga-Clubs und die Nationalmannschaft nicht zu viel Fernsehgeld verlieren. Die TV-Rechte machten "einen Großteil der Einnahmen aus", so der 51-Jährige: "Darauf sollte man nicht länger verzichten."

Ein Wettbewerb solle zudem "irgendwann zu einem Ende kommen", sagte Bierhoff mit Blick auf die momentan unterbrochene Bundesliga-Saison.

Der frühere Italien-Legionär erwartet zudem, dass der Geld-Kuchen im Fußball durch die Corona-Krise kleiner wird. "Es wird auf jeden Fall eine starke Reaktion in den nächsten ein, zwei, drei Jahren geben. Natürlich werden die Preise runtergehen, genau wie die Gehälter", sagte Bierhoff.

Er selbst habe Ähnliches einst in Italien erlebt. "Als ich 1991 kam, florierte die Wirtschaft. Es war überall genug Geld da und es wurde ausgegeben. Und irgendwann kamen die Manipulationen, auf einmal wurden auch bei kleinen Vereinen Schwarzgelder aufgedeckt. Die Wirtschaft brach zusammen, viele Skandale gab es. Und da gab es eine Bereinigung bei Vereinen bei Gehältern um 50 Prozent. Und das ging dann auch."

MUNICH, GERMANY - MARCH 03:  Joachim Loew (L), head coach of Germany and Oliver Bierhoff, team manager of Germany seen prior to the International Friendly match between Germany and Argentina at the Allianz Arena on March 3, 2010 in Munich, Germany.
Joachim Löw und Oliver Bierhoff arbeiten seit 2004 beim DFB eng zusammen
© Bongarts/Getty Images, Getty Images

"Wir alle brauchen jetzt Hilfe"

Den wirtschaftlichen Schaden, der dem DFB durch die Corona-Krise entsteht, kann Bierhoff noch nicht beziffern. Einschnitte werde es aber geben. "Wir machen uns jetzt aber auch schon klare Gedanken darüber, welche Investitionen wir zurückfahren, wie wir Sparmaßnahmen einleiten können. Uns ist natürlich bewusst, dass bei uns ein großer Schaden entsteht. Generalsekretär Curtius hat ja schon einmal 50 Millionen Euro angedeutet", so der DFB-Direktor.

In der derzeitigen Ausnahmesituation setzt Bierhoff auf den Solidaritätsgedanken in der Gesellschaft. "Ich glaube, Hilfe brauchen wir jetzt alle irgendwie. Wir müssen uns gegenseitig stützen und der eine bedarf es mehr oder weniger", sagte der Europameister von 1996.

Im Fußball sei es notwendig, "genau hinzuschauen: Wer bedarf Hilfe und wer nicht? Welche Art von Hilfe ist notwendig? Ich hoffe, dass am Ende irgendwie alle durchkommen."

Corona-Auszeit nutzen

Bierhoff griff auch Aussagen von Bundestrainer Joachim Löw auf, der bei einer DFB-PK gesagt hatte, die Welt habe durch Corona einen "kollektiven Burn-out" erlebt und stemme sich derzeit womöglich "auch ein bisschen gegen die Menschen und ihr Tun".

Er hoffe, dass "wir alle" die derzeitige Ausnahmesituation nutzten, "um nachzudenken, um sich verschiedene Gedanken zu machen", so Bierhoff: "Zum Beispiel über Homeoffice, wie sinnvoll es sein kann, die Umwelt zu schützen. Und dass man auch das positiv nutzen kann. Ich habe mit vielen Freunden und Menschen geredet und man hat im ersten Moment bei vielen das Gefühl, dass viele sagen: Jetzt endlich mal durchatmen, vielleicht dieses schnelle Rad, dass die Welt in den letzten Jahren gedreht hat, mal kurz anzuhalten. Vielleicht nehmen wir da was mit und setzen als Gesellschaft auch wieder an neuen Punkten an."

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