Bundestrainer auf Bewährung

Löw muss sich der Vertrauensfrage stellen

20. November 2020 - 15:08 Uhr

Zweiwöchige Schonfrist

Nach der krachenden 0:6-Schmach von Sevilla steht Bundestrainer Joachim Löw beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) im Fokus. Eine detaillierte Aufarbeitung und schonungslose Fehleranalyse des miserablen DFB-Elf-Auftritts gegen Spanien in der Nations League sollen den Weg in die Zukunft und eine erfolgreiche EM 2021 weisen.

Kein Freifahrtschein bis zur EM

Die Klatsche von Sevilla, die von der internationalen Presse gerügt und von den Fans belächelt wurde, müsse "gründlich analysiert und die nötigen Folgerungen daraus gezogen werden", mahnte DFB-Chef Fritz Keller an. Wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" erfahren haben will, arbeitet Löw bis dahin nur auf Bewährung; es gebe keinen "Freifahrtschein" für die EM im nächsten Jahr. Die Schonfrist: zwei Wochen. Dann soll der schwer angezählte Coach nach "Kicker"-Informationen eine erste Schadensanalyse vorlegen.

Aber was dann?

Ein Rauswurf des Weltmeister-Trainers von 2014 erscheint trotz des enormen öffentlichen Drucks ähnlich unwahrscheinlich wie ein Rücktritt von Löw, dem die versammelte DFB-Spitze der "Bild" zufolge in der Nacht von Sevilla ihre Rückendeckung zusicherte. Ein Treuebekenntnis sieht dennoch anders aus: Nach dem kurzfristig einberufenen Krisen-Gipfel am Mittwoch erwähnte Keller Löw in keinem Wort.

RTL-Sportbude: Ist Löw noch der Richtige?

Angesichts der Bilder aus Spanien stellt sich die Fußball-Nation zudem die Frage, ob Löw überhaupt noch dazu in der Lage ist, das DFB-Team zu einer erfolgreichen EM zu führen. Eine von RTL und ntv in Auftrag gegebene Forsa-Umfrage ergab, dass zwei Drittel der Fußball-Fans einen Rücktritt des 60-Jährigen für notwendig halten.

Löw-Nachfolger werden bereits gehandelt

Obwohl die Anzeichen für eine Löw-Zukunft im DFB bis einschließlich zur EM gut stehen (auch DFB-Direktor Oliver Bierhoff hatte dem Bundestrainer kürzlich eine Jobgarantie bis nach dem Turnier in Aussicht gestellt), ist unterdessen eine Nachfolger-Diskussion entbrannt. Ein möglicher Kandidat: Leipzig-Coach Julian Nagelsmann. Auch wenn der 33-Jährige einen Nationaltrainer-Posten für die Zukunft nicht ausschloss, forderte er mehr Geduld und Sachlichkeit: "Wir sollten mit dem Prunkstück des deutschen Fußballs menschlicher umgehen."

Rangnick: „Es gehört sich nicht“

Ähnlich äußerte sich der vertragslose Ralf Rangnick, der eine Sofortlösung sein könnte. Der 62-Jährige machte während des RTL-Spendenmarathons jedoch unmissverständlich deutlich, dass er eine solche Diskussion derzeit für eine Unsitte halte, und stärkte Löw damit den Rücken.

Für einen Wechsel nach der EM wird Bayern-Trainer Hansi Flick als Wunschkandidat des DFB genannt, der 2014 Löws wichtigster Helfer beim WM-Triumph in Brasilien war. Bereit für den Posten sei Flick derzeit jedoch nicht: "Ich lebe im Hier und Heute. Deswegen sind diese Dinge viel zu weit weg, um mir darüber Gedanken zu machen", so der 55-Jährige. Auch Thomas Tuchel, dessen Vertrag bei Paris Saint-Germain im nächsten Sommer ausläuft, und Fan-Liebling Jürgen Klopp vom FC Liverpool werden als mögliche Nachfolger gehandelt.

Druck auf Löw wächst

Wie auch immer die Aufarbeitung des geschichtsträchtigen 0:6 ausfallen wird - fest steht: Die Folgen des kopflosen und blutleeren Auftritts in Spanien werden lange nachwirken. Der Druck auf Löw und den DFB ist enorm. Und mit jedem starken Spiel des ausgemusterten Trios Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng wird auch die Endlos-Debatte um ihre Rückkehr lodern. Für die Suche nach Anführern und einem tragfähigen Defensivkonzept vor der EM hat Löw drei Länderspiele im März und die Monate im Homeoffice Zeit – sofern ihm der DFB nach der 0:6-Analyse nicht doch noch das Vertrauen entzieht.

"F***** – wenn ein Wort alles sagt" – Kommentar zum blamablen 0:6

Calli stärkt Löw den Rücken

RTL.de/dpa