Deutschlands Mittelschicht wird kleiner

28. August 2015 - 11:45 Uhr

Immer mehr Geringverdiener

Eine Studie der Universität Duisburg-Essen belegt, dass immer mehr Menschen in Deutschland schlechter verdienen. Zwar sei die Zahl der Beschäftigten zurzeit auf einem Rekordhoch, schrieb die 'Süddeutsche Zeitung', trotzdem seien immer mehr Menschen von Armut bedroht. Die Zahl der Haushalte mit einem mittleren Einkommen ging in den letzten 20 Jahren von 56 auf 48 Prozent zurück, erklärten die Forscher.

Immer mehr Geringverdiener
In Deutschland gibt es immer mehr Geringverdiener.
© dpa, Jens Büttner

Als mittleres Einkommen galt in der Studie ein Verdienst von 2.000 bis 7.000 Euro brutto für eine vierköpfige Familie. Die deutsche Mittelschicht galt als Motor des wirtschaftlichen Erfolgs der Bundesrepublik. Obwohl der Arbeitsmarkt brummt, verliert die Mittelschicht an Einfluss.

Gründe dafür sind laut den Forschern vom 'Institut Arbeit und Qualifikation', dass auch in wirtschaftlichen Boom-Phasen nicht mehr so viele Menschen in die Mittelschicht aufstiegen wie früher. Viele Arbeitnehmer könnten kaum von ihrem Lohn leben. Viele Menschen müssten sich mit Teilzeitstellen oder Minijobs zufrieden geben. Zudem stagnieren die Renten. Das führt dazu, dass viele ältere Menschen in untere Einkommensschichten abrutschen. Auch Jugendliche ohne Berufsabschluss hätten kaum Chancen, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Hier sehen die Forscher Handlungsbedarf bei der Politik.

Auch das Statistische Bundesamt gab bekannt, dass besonders Menschen mit geringer Qualifikation armutsgefährdet sind. 30,8 Prozent der gering Qualifizierten in Deutschland mussten 2014 mit weniger als 60 Prozent eines mittleren Einkommens auskommen. Nach dem Mikrozensus für 2014 sind das beispielsweise Einpersonenhaushalte, die weniger als 917 Euro pro Monat zur Verfügung haben. 2005 waren es gerade einmal 23,1 Prozent.

Insgesamt sei die Armutsgefährdungsquote zwar stabil geblieben, trotzdem stieg die Gefahr für Menschen ohne Berufsausbildung, in die Armut abzurutschen.

Erwerbslose, Alleinerziehende und Rentner besonders gefährdet

25 Jahre nach der Wiedervereinigung ist die Gefahr, in Armut zu geraten, im Osten Deutschlands immer noch viel höher als im Westen. Das Verarmungsrisiko lag 2014 in den neuen Bundesländern plus Berlin bei 19,2 Prozent. In den alten Bundesländern betrug die Quote 14,5 Prozent.

"Damit war die Quote sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland in den letzten zehn Jahren relativ stabil", sagte Destatis-Mitarbeiter Bernd Becker. Im Bundesschnitt lag die Armutsgefährdungsquote 2014 bei 15,4 Prozent nach 15,5 im Jahr davor.

Die Sozialverbände finden die Zahlen zu hoch. Die am stärksten von Armut betroffenen Gruppen seien Erwerbslose, Alleinerziehende - und neuerdings Rentner, sagte Ulrich Schneider vom Paritätischen Wohlfahrtsverband. "Politik und Öffentlichkeit müssen sich endlich der Tatsache stellen, dass eine Lawine der Altersarmut auf uns zurollt."

"Wenn trotz Wirtschaftswachstum immer mehr Menschen die Armutsfalle droht, geht es in unserer Gesellschaft nicht mit rechten Dingen zu", befand Adolf Bauer vom Sozialverband Deutschland (SoVD). Linken-Chefin Katja Kipping kritisierte "eine Politik, die sehenden Auges untätig hinnimmt, dass sich in einem reichen Land die Armut verfestigt".

Die Gewerkschaften hoffen, dass sich der Mindestlohn bald positiv auswirken und das Armutsrisiko in den nächsten Jahren sinken wird. Der Sozialverband VdK ist skeptisch: "Der Mindestlohn alleine richtet es nicht. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse wie Minijobs sowie Leih- und Zeitarbeit müssen eingedämmt werden", forderte VdK-Präsidentin Ulrike Mascher.