Deutscher Islamist Harry S. war womöglich doch an IS-Morden beteiligt

10. Oktober 2016 - 10:12 Uhr

Ein Video weckt Zweifel an Harry S. Glaubwürdigkeit

Hat der deutsche Islamist Harry S. vor Gericht und in Interviews gelogen? Recherchen des ZDF und der 'Washington Post' scheinen genau das zu belegen. Anders als von ihm selbst stets behauptet, war der 28-jährige Bremer demnach an mehreren Gräueltaten des selbst ernannten 'Islamischen Staates' aktiv beteiligt.

Bisher hatte Harry S. stets bestritten, unmittelbar an Ermordungen beteiligt gewesen zu sein. Er sei nur dabei gewesen, habe für Propagandazwecke eine IS-Flagge gehalten, sich ansonsten aber passiv verhalten. Eine neue bisher unveröffentlichte Videoaufnahme widerlegt das. Sie wurde dem ZDF und der 'Washington Post' von einer Quelle mit IS-Verbindungen zugespielt und zeigt die Exekution von sieben Gefangenen auf dem Marktplatz von Palmyra. Deutlich ist zu sehen, wie Harry S. seine Waffe aus dem Schulterholster zieht, durchlädt und zielt.

Obwohl der Moment des eigentlichen Schusses von einer anderen Person verdeckt wird, gehen Waffenexperten davon aus, dass S. selbst gefeuert hat. Das Video zeigt auch, wie der Deutsche kurz vor der Hinrichtung eines der Opfer in die Reihe mit den anderen zwingt. Zudem legte S. gemeinsam mit anderen Kämpfern den Treueeid auf den selbsternannten Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi ab und skandierte bei der Fahrt durch Palmyra IS-Parolen. Sein Anwalt Udo Würtz zeigte sich von den neuen Vorwürfen überrascht. Er konfrontierte seinen Mandanten mit einem Standbild aus dem Video. Danach sagte Würtz in einem Interview mit dem ZDF und der 'Washington Post': "Ich bin nicht autorisiert, eine Erklärung abzugeben." Er sei trotz allem "nach wie vor der Anwalt von Harry S.".

Der 28-Jährige war im Juli 2016 wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Die vergleichsweise milde Freiheitsstrafe kam zustande, weil der Syrien-Rückkehrer umfassend ausgesagt hatte und offen über seine Zeit bei der Terrormiliz sprach. Normalerweise sind in solchen Fällen vier bis sechs Jahre Freiheitsstrafe vorgesehen. Sollten die neuen Vorwürfe belegbar sein, müsste der Prozess gegen den Islamisten neu aufgerollt werden. Die amerikanische Bundespolizei FBI hat bereits ein Rechtshilfeersuchen an Deutschland gestellt, Harry S. als Zeugen zu vernehmen.